Jedes dreihundertste Wort in wissenschaftlichen Publikationen ist von Wikipedia beeinflusst. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden.

Für Forschende scheint Wikipedia eine Inspiration zu sein. iStock

Für Forschende scheint Wikipedia eine Inspiration zu sein. iStock

Viele Professoren raten ihren Studenten von Wikipedia ab. Die Online-Enzyklopädie sei unzuverlässig und nicht seriös, warnen sie. Umso überraschender kommt nun eine Studie zum Schluss: Wissenschaftler lesen öfter Wikipedia, als sie zugeben. Und sie lassen sich sogar davon beeinflussen.

Wie sich Wikipedia in wissenschaftlichen Arbeiten niederschlägt, wollten der Informatiker Neil Thompson vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und sein Kollege Douglas Hanley von der Universität Pittsburgh herausfinden. Dafür fütterten sie einen Supercomputer mit sämtlichen Wikipedia-Artikeln seit dem Jahr 2000 sowie dem Text von 326 000 Publikationen des Wissenschaftsverlags Elsevier.

 

Kein Grund zur Sorge

Der Computer fand heraus, dass viele Begriffe und Wendungen in den wissenschaftlichen Artikeln jenen von Wikipedia-Beiträgen ähneln. Daraus konnten die Forscher allerdings noch keinen gegenseitigen Einfluss ableiten. Also liessen sie Chemiedoktoranden 43 neue Wikipedia-Artikel zu Fachthemen schreiben. Einen Teil davon veröffentlichten die Forscher auf Wikipedia, den Rest hielten sie zurück. Ein Jahr später stellten sie fest: Immer mehr wissenschaftliche Publikationen begannen, sich den veröffentlichten Wikipedia-Artikeln anzugleichen. Etwa jedes dreihundertste Wort ist durch Wikipedia beeinflusst, rechneten die Forscher aus.

Dieser Befund überrascht Experten nicht: «So wie man früher zum gedruckten Lexikon griff, schaut man heute auf Wikipedia», sagt Philippe Wampfler, Dozent für digitale Bildung an verschiedenen Schweizer Hochschulen. Dass die Leute dabei in ihrer Sprachverwendung beeinflusst werden, sei naheliegend. Und nicht unmittelbar Grund zur Sorge: «Es ist ein Vorurteil, dass Wikipedia qualitativ minderwertig ist», sagt Wampfler. Allerdings sei das Fachwissen je nach Themengebiet unterschiedlich präzise aufgearbeitet.

 

Auch die Gefahr einseitiger Artikel sei auf Wikipedia nicht grösser als bei anderen Nachschlagewerken, ist Nando Stöcklin überzeugt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Pädagogischen Hochschule Bern und Mitbegründer von Wikimedia Schweiz, der hiesigen Vereinigung von Wikipedia-Aktivisten. «Im Gegensatz zum gedruckten Werk können Fehler online rasch korrigiert werden.» Der Nachweis, dass Wissenschaftler Wikipedia nutzen, freut Stöcklin besonders: «Wikipedia wird offensichtlich ernst genommen.»

 

Felix Stalder

 

 


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