Im berüchtigten Genfer Gefängnis Champ-Dollon haben Forscher einen Zusammenhang zwischen der massiven Überbelegung und Selbstmordversuchen von Häftlingen nachgewiesen.
Gefängniswärter

Aufseher im 2011 fertiggestellten Erweiterungsbau von Champ-Dollon – dieser hat die Lage in dem chronisch überbelegten Gefängnis jedoch nicht entschärft. Foto: Keystone

Das Gefängnis Champ-Dollon im Kanton Genf ist seit Jahren massiv überfüllt. In dem für 376 Inhaftierte ausgelegten Gefängnis befinden sich derzeit über 650 Häftlinge. Der Platz ist so knapp, dass manche von ihnen zu siebt in einer Dreier-Zelle schlafen müssen. Dadurch haben die Häftlinge zum Teil weniger als vier Quadratmeter Platz pro Person zur Verfügung – und das 23 Stunden pro Tag.

 

Nun haben Forscher erstmals einen Zusammenhang zwischen der Überbelegung in Champ-Dollon und der Anzahl der Selbstmordversuche belegen können.

 

Hans Wolff, Chefarzt der Abteilung für Gefängnismedizin am Universitätsspital Genf, ist für die medizinische Versorgung aller Genfer Gefängnisse verantwortlich. Er betreut insbesondere Insassen, die sich selbst zu verletzen oder zu töten versuchen, und erfasst die Vorfälle in einer Datenbank. «In den letzten Jahren beobachteten wir, dass die Zahl der Selbstmordversuche stark gestiegen ist», sagt Wolff. Er wollte der Sache auf den Grund gehen und analysierte seine Erhebungen mit statistischen Methoden. Das Resultat: Im Jahr 2013 erreichte die Überbelegung in Champ-Dollon mit 200 Prozent offenbar eine kritische Marke. Denn gleichzeitig stieg die Zahl der Selbstmordversuche durch Strangulation um ein Vielfaches. Im Jahr 2014, als die Auslastung bereits 240 Prozent betrug, waren es zehn Mal mehr als in den Jahren zuvor. «Ein solcher Anstieg ist alarmierend», sagt Wolff.

 

Konflikte zwischen Häftlingen

Zum Vergleich: Zwischen 2006 und 2012 – auf jeden ordentlichen Gefängnisplatz kamen durchschnittlich 1,9 Insassen – gab es jährlich vier bis zwölf versuchte Selbstmorde. 2014 waren es hingegen 89. Seit 2013 gab es zudem mindestens einen Suizidversuch mit tödlichem Ausgang.

 

Dass die Zahl der vollendeten Selbstmorde nicht noch grösser ist, liegt daran, dass die Insassen mit dem Versuch, sich zu erdrosseln, in erster Linie auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen wollen. «Die Tat ist eine extreme Form der Kommunikation, ein Notruf. Sie bedeutet: Mir geht es schlecht, kümmert euch um mich», sagt Chefarzt Wolff.

 

Ihre Rettung planen die Inhaftierten in den Selbstmordversuch mit ein. Dazu warten sie den richtigen Moment ab. Wenn der Zellengenosse für kurze Zeit ausser Sichtweite ist, etwa auf dem WC, legen sie Hand an sich. «Wenn der Mithäftling ins Zimmer zurückkehrt, ruft er in der Regel sofort Hilfe herbei», sagt Wolff.

 

Dass enge Platzverhältnisse die Selbstmordversuche nach oben treiben, ist in Fachkreisen kein Geheimnis. «In der Praxis ist dieser Effekt bestens bekannt», sagt Marc Graf, Direktor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik der Universität Basel. «Wenn sich die Häftlinge auf die Füsse treten, gibt es mehr soziale Konflikte untereinander». Solche Auseinandersetzungen ziehen die ganze Aufmerksamkeit der Gefängniswärter auf sich. In der Folge haben diese keine Zeit mehr, um den Freigang der Gefangenen zu überwachen, Bildungsangebote zu offerieren oder auch einfach nur mit den Insassen zu reden. «So kommen diejenigen unter die Räder, die wirklich Hilfe benötigen», sagt Graf.

 

Andernorts kaum Suizide

Dass es auch anders geht, zeigt das Gefängnis Pöschwies in Regensdorf. Die grösste Schweizer Vollzugsanstalt gilt landesweit als vorbildlich und besitzt ein gutes Betreuungsangebot, bei dem Sozialdienst, Ärzte und Seelsorger eng zusammenarbeiten. So lassen sich mögliche Suizidabsichten bei Häftlingen frühzeitig erkennen. Das zahlt sich aus. In den letzten 16 Jahren gab es in Pöschwies nur drei Suizide.

 

Zu den katastrophalen Verhältnissen in Champ-Dollon wollten weder der Direktor von Pöschwies, Andreas Naegeli, noch die Zürcher Direktion der Justiz und des Innern Stellung nehmen. Ebenso haben alle anderen angefragten kantonalen Stellen reagiert. Das Thema ist ein heisses Eisen.

 

Die Statistiken zeigen deutlich, dass Champ-Dollon bei der Überbelegung schweizweit an der Spitze liegt. Generell gibt es innerhalb der Schweiz ein starkes Gefälle zwischen West und Ost. Zum Vergleich: Im Kanton Luzern lag die Auslastung in den letzten drei Jahren bei durchschnittlich 115 Prozent, in Zürich bei 88 Prozent und in Graubünden bei 100 Prozent. In Graubünden und Luzern gab es in dieser Zeit keine Suizide in Gefängnissen. In gesamten Kanton Zürich war es durchschnittlich einer pro Jahr.

 

Verstoss gegen Menschenwürde

Bereits mehrfach – zuletzt vor wenigen Tagen – hat das Schweizer Bundesgericht Klagen von Insassen von Champ-Dollon gutgeheissen, die gegen ihre Haftbedingungen geklagt hatten. Das Gericht qualifizierte diese als menschenunwürdig. Welche Konsequenzen das für Champ-Dollon hat, wollte das Bundesgericht auf Anfrage nicht weiter kommentieren.

 

Indes sagt das Bundesamt für Justiz: «Es liegt in der Verantwortung der Kantone, das übergeordnete Recht umzusetzen.» Das heisst, dass der Kanton Genf die Haftbedingungen verbessern muss. Wie er das tut und wie schnell, ist allerdings seine Sache.

 

Dazu teilt das Amt für Strafvollzug des Kantons Genf mit, dass man daran sei, die Haftbedingungen im Gefängnis Champ-Dollon zu verbessern. Dies soll unter anderem mit vereinfachten Besuchen von Familienangehörigen, Arbeits- und Sportangeboten geschehen. Zudem verweist das Amt auf einen sechzigseitigen Massnahmenkatalog, der die Schaffung von zusätzlichen Plätzen in Champ-Dollon, Personalaufstockungen und gar den Bau eines neuen Gefängnisses vorsieht.

 

Ein Strafrecht-Experte, der nicht mit Namen genannt werden möchte, sagt dazu: «Der Kanton Genf hat zwar erkannt, dass er ein grosses Problem im Gefängniswesen hat und tut etwas dagegen. Doch sein Rückstand auf andere Schweizer Gefängnisse wie etwa Pöschwies beträgt 20 bis 30 Jahre.»

  Studie: Wolff, H., et al., 2016: «Self-harm and overcrowding among prisoners in Geneva, Switzerland», International Journal of Prisoner Health, 12/1, S. 39-44

 

Atlant Bieri

 

 


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