In Wabern bei Bern gibt es einen Raum, der jedes Geräusch schluckt. Diese Stille wirkt auf Menschen nicht etwa entspannend, sondern beengend und dumpf. Perfekt ist der vollständig echofreie Raum dagegen für präzise Schallmessungen.

Für Menschen ist das Gefühl im echofreien Raum alles andere als behaglich, denn die Wände schlucken den Schall komplett. Bild zvg/Metas

Für Menschen ist das Gefühl im echofreien Raum alles andere als behaglich, denn die Wände schlucken den Schall komplett.
Bild zvg/Metas

Sobald wir den Raum betreten, spüren wir es: Etwas ist anders. Ein Druck liegt auf den Ohren, ähnlich wie beim Abheben eines Flugzeugs. Man fühlt sich isoliert, verspürt Beklemmung – und kann nicht erfassen, woher sie kommt. «Das geht hier drin allen so», sagt Christian Hof, Leiter des Akustiklabors am Eidgenössischen Institut für Metrologie Metas. Er steht auf einem Drahtgitter im Zentrum eines grossen, würfelförmigen Raums. Wände, Decke und Boden sind mit keilförmigen Elementen aus Glaswolle ausgekleidet. Diese schlucken jeden Schall. Wir befinden uns im sogenannten echofreien Raum des Metas in Wabern bei Bern.

Messungen ohne Störgeräusche: Christian Hof im echofreien Raum. Metas

Messungen ohne Störgeräusche: Christian Hof im echofreien Raum.
Metas

«Normalerweise hören unsere Ohren jeden Klang nicht nur einmal, sondern vielfach, weil er von der Umgebung zurückgeworfen wird», sagt Hof, dessen Stimme in diesem Raum seltsam eindimensional klingt. Egal ob Wände, Gegenstände, sogar Menschen – jedes Material absorbiert zwar einen Teil des Schalls, reflektiert aber den Rest. Anders die Glaswolleteile im echofreien Raum: Durch ihre Keilform leiten sie auftreffende Schallwellen immer weiter in das Material hinein, bis auch der letzte Rest des Schalls komplett verschluckt ist. Hier drin gibt es null Echo. Damit könne das Hirn nicht umgehen, sagt Akustikforscher Hof. «Das löst den vermeintlichen Ohrendruck und die Beklemmung aus.»

Den stillsten Raum nutzen Hof und seine Kollegen, um extrem präzise Schallmessungen zu machen, ohne dass das Echo aus der Umgebung diese stört.

«Das Gehirn kann nicht damit umgehen, dass es kein Echo aus der Umgebung wahrnimmt.»
Christian Hof, Leiter des Akustiklabors am Eidgenössischen Institut für Metrologie Metas

Offizielle Prüfstelle

So prüfen und eichen sie hier beispielsweise alle in der Schweiz genutzten Schallmessgeräte, bevor sie das erste Mal eingesetzt werden. Wenn also Akustiker die Raumakustik in Schulzimmern oder Konzertsälen prüfen oder der Arzt das Hörvermögen von Patienten misst, geschieht das mit Geräten, die alle hier am Institut für Metrologie in Wabern kalibriert worden sind. Im echofreien Raum erklingen aber nicht nur leise Töne, sondern manchmal auch ohrenbetäubende – etwa während der Charakterisierung von Alarmsirenen. Neben dem Metas verfügt auch die Eidgenössische Materialforschungsanstalt Empa in Dübendorf über echofreie Räume. In diesen führen Forscher akustische Untersuchungen mit lärmigen Maschinen und Geräten durch. Zudem finden dort auch Tests mit Versuchspersonen statt, etwa um herauszufinden, als wie lästig Menschen Fluglärm empfinden.

In Bern packt Christian Hof unterdessen sein Material zusammen. Kaum verlassen wir den Raum am Metas, verschwindet der beklemmende Druck – wir nehmen unwillkürlich einen tiefen, befreienden Atemzug.

 

Santina Russo 

 

 


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