Die Fuchsräude ist zurück und tötet derzeit viele Tiere auf leidvolle Art, vor allem in Städten und Agglomerationen. Der Mensch ist daran mitschuldig.

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Der arme Fuchs ist abgemagert, hat kaum mehr Fell und entzündete Wunden: Die Fuchsräude setzt den Tieren arg zu und endet meist mit ihrem Tod.
Juan Lacruz / Wikimedia Commons

An diesem Dienstagmorgen, kurz nach neun Uhr, hat Wildhüter Hans Schläppi bereits drei Anrufe von Anwohnern wegen kranker Füchse entgegengenommen. Er ist Obmann der Jagdgesellschaft Lindberg in Winterthur und in dieser Funktion auch Wildhüter in einem der fünf Jagdreviere der Stadt. Schon am Telefon ist er sich sicher: Die Tiere leiden an Fuchsräude. Selbst Laien sehen räudigen Füchsen sofort an, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie sind ausgemergelt, haben vielfach kaum mehr Fell und nur noch einen dünnen Faden anstelle des einst buschigen Schwanzes. «Es tut mir weh, die Füchse in diesem jämmerlichen Zustand zu sehen», sagt Schläppi.

 

Die Fuchsräude ist grausam. Zunächst juckt die Haut der kranken Tiere dermassen, dass sie sich das Fell büschelweise ausbeissen und sich so blutige Wunden zufügen. Bald sind die Körper über und über mit entzündeten Krusten und Rissen bedeckt. Die Füchse leiden unter Schmerzen und werden immer schwächer, bis sie schliesslich zu kraftlos sind, um nach Nahrung zu suchen. Meist verenden sie nach etwa drei Monaten Qualen kläglich.

 

So geht es zurzeit vielen Füchsen in den Zentren und Agglomerationen von Winterthur und Zürich. Und kranke Tiere kommen den Menschen vielfach näher als gewöhnlich. Das liegt an der Krankheit selbst, durch welche die Tiere in eine Art Dämmerzustand verfallen. «Ausserdem kommen sie in der Nähe der Menschen leichter an Futter», erklärt Schläppi.

Zivilisation ist mitschuldig

Doch genau das ist Teil des Problems. Denn besonders schnell verbreitet sich die hochansteckende Seuche unter den sehr dichten Populationen der Siedlungsund Stadtfüchse. Zum Vergleich: Im Wald haben die Tiere oft mehrere Quadratkilometer grosse Reviere. Dagegen leben in der Stadt Zürich mancherorts bis zu 15 erwachsene Füchse auf einem Quadratkilometer.

«Unser unachtsames Verhalten mit Essensabfällen schadet den Tieren.»

Hans Schläppi, Obmann der Winterthurer Jagdgesellschaft Lindberg und Wildhüter

Die schlauen Tiere finden beispielsweise unter Gartenschuppen ein behagliches Zuhause und das Schlaraffenland in Form von weggeworfenen Essensresten. Offene Komposte, über Nacht draussen gelassene Müllsäcke oder das Näpfchen mit Katzenfutter auf der Terrasse – solch freigiebig angebotene Leckereien ziehen in einer Nacht oft mehrere Füchse an. Und wo es regelmässig solch zugängliche Essensreste gibt, stecken sie sich vermutlich auch gegenseitig an. «Unser unachtsames Verhalten mit Essensabfällen schadet den Tieren», sagt Schläppi deshalb. Immer wieder begegnen die Wildhüter zudem Menschen, die die Tiere absichtlich füttern, erzählt auch Ruedi Zbinden, Einsatzleiter der Wildhüter in der Region Bern Mittelland. «Das ist falsch verstandene Tierliebe», sagt er. Denn damit machten wir Menschen es den Füchsen noch leichter, sich dicht auf engem Raum anzusiedeln. Und die Räude kann sich rasant verbreiten. So hat Zbinden miterlebt, wie die Seuche in den letzten paar Jahren die Fuchspopulation von Bern arg dezimiert hat. Genaue Zahlen gibt es nicht, da bei toten Füchsen die Todesursache nicht immer erhoben wird.

Hochansteckende Seuche

Falle

Mit solchen Fallen versucht man in Siedlungen kranke Füchse zu fangen.
Scitec

Hervorgerufen wird die Krankheit von Räudemilben, auch Grabmilben genannt. Die etwa einen halben Millimeter kleinen Parasiten nisten sich in der obersten Hautschicht der Tiere ein und legen ihre Eier darin ab. Der Befall führt zu einer starken allergischen Reaktion, welche auch das Immunsystem angreift. Füchse können sich die Erreger nicht nur beim direkten Kontakt mit kranken Artgenossen einfangen, sondern auch indirekt, etwa durch eine Berührung mit Hautschuppen, welche ein krankes Tier verloren hat.

 

Schon früher sei die Fuchsräude immer wieder in der Schweiz aufgetreten, sagt Peter Deplazes, Leiter des Instituts für Parasitologie der Universität Zürich, etwa im Raum Genf oder im Berner Oberland. In der Region Zürich trat sie aber 20 Jahre lang nicht mehr auf. Jetzt hat sich die Seuche aus dem süddeutschen Raum über die Grenzgebiete von Basel und der Ostschweiz wieder ausgebreitet.

Was kann man tun?

Verhindern lassen sich die Ansteckungen nicht. Doch man könnte dafür sorgen, dass die Füchse in Siedlungen nicht derart dicht leben, sagt Jürg Zinggeler, Adjunkt Jagd des Kantons Zürich. Er wünscht sich eine Handhabe, um die Leute zumindest daran zu hindern, Füchse zu füttern. «Bisher gibt es kein Verbot und wir können nur Empfehlungen herausgeben», sagt er. Das sei zu wenig.

 

Denn sind die Tiere einmal erkrankt, kann man ihnen nicht mehr helfen. Theoretisch gäbe es zwar Medikamente gegen die Räude. Mit ihnen therapieren Tierärztinnen und Tierärzte befallene Hunde (siehe Box). Doch wilde Tiere zu behandeln, ist nicht realistisch. Als einzige Lösung bleibt der Gnadenschuss. Zum einen, um eine weitere Ansteckung zu verhindern, sagen Schläppi und Zbinden. Aber vor allem auch, um den Tieren weiteres Leid zu ersparen.

 


Gefahr für Hunde

Auch Hunde können sich mit der Räude anstecken, wenn sie einem kranken Fuchs nachstellen. Das erste Anzeichen dafür ist meist häufiges Kratzen am Kopf oder an den Gelenken. Dann sollte man mit dem Vierbeiner zum Tierarzt. Die Krankheit ist bei Hunden gut heilbar, zum Einsatz kommen Mittel, welche die Räudemilben abtöten, sowie entzündungshemmende Medikamente.
 


 

Santina Russo 

 

 


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