Faktenverdreher gab es schon immer. Neu ist aber die Geschwindigkeit, mit der sich Falschmeldungen ausbreiten. Das geschieht vor allem im Verborgenen.

TrumpRamses

Donald Trump ist nicht der erste Spezialist für Fake News: Schon Ramses II, Herrscher im alten Ägypten, setzte Falschmeldungen ein, um sich grösser zu machen, als er in Wirklichkeit war.
Illustration Bunterhund.

Fake News sind nichts Neues. Schon vor mehr als 3000 Jahren liess der ägyptische Pharao Ramses II einen militärischen Sieg in Stein meisseln. Es war eine Falschmeldung, und trotzdem die Basis für Ramses’ Ruhm und seine 66 Jahre dauernde Herrschaft. Später, um das Jahr 800, machte die katholische Kirche mittels einer gefälschten Urkunde ihren Anspruch auf Landgebiete geltend – darunter auch die heutige Vatikanstadt mitten in Rom. Und 1870 lösten Fake News einen Krieg aus: Der preussische Ministerpräsident Otto von Bismarck kürzte einen Brief der französischen Regierung an den preussischen König – die Emser Depesche – so geschickt, dass der Anschein entstand, Frankreich stelle Preussen ein Ultimatum. Der Text wurde der Presse zugespielt und provozierte einen einjährigen Krieg zwischen Frankreich und Preussen.

 

Fake News haben also eine lange Tradition. Doch: «Sie haben sich noch nie derart rasant und unkontrollierbar verbreitet wie heute», sagt Mark Eisenegger, Medienwissenschafter an der Uni Zürich. Dies durch das Internet und vor allem durch Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. So haben mehrere Studien amerikanischer und italienischer Forscher gezeigt, dass die Menschen Falschmeldungen und Verschwörungstheorien auf Facebook öfter und über längere Zeit teilen als die Nachrichten seriöser Medien.

Vieles ist unsichtbar

Auch in der Schweiz werden Fake News produziert. So gibt es einige Online-Portale, die vor allem Halbwahrheiten und nicht belegbare Behauptungen verbreiten, beispielsweise Uncut-news.ch oder «Alles Schall und Rauch». Manche haben auf Facebook und Youtube Tausende Fans und Abonnenten. Welchen Einfluss solche Fake-News-Plattformen auf unsere Gesellschaft haben, weiss man nicht.

 

Zwar gibt es Fake News, die leicht als solche zu erkennen sind – etwa jene, die während des US-Präsidentschaftswahlkampfs um die Welt gingen. Eine davon lautete, Hillary Clinton betreibe in einer Pizzeria einen Pädophilenring. «Die meisten entlarven das als Fake News», erklärt Eisenegger. Schwieriger werde es, wenn verdrehte Fakten mit wahren Tatsachen vermischt seien. Wie viele solche «Halb oder Viertelwahrheiten», wie Eisenegger sie nennt, sich im Internet tummeln, ist unbekannt. Doch: «Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs», befürchtet er. Denn im Internet könne jeder etwas posten oder weiterverbreiten, ohne dass die Fakten jemals überprüft worden sind.

 

Am meisten Sorgen macht dem Medienwissenschafter aber, dass die Verbreitung von Fake News zunehmend für die Öffentlichkeit unsichtbar abläuft. So können Fake News heute über Soziale Netzwerke gezielt an ein ausgewähltes Publikum gesendet werden. «Auf diese Weise treffen die Falschmeldungen von vornherein auf Menschen, bei denen sie auf fruchtbaren Boden fallen, und verbreiten sich von dort weiter», sagt Eisenegger. «Möglich machen dies detaillierte Nutzerdaten, die Internetriesen wie Facebook und Google sammeln und weiterverkaufen.» Diese Firmen registrieren zum Beispiel, welche Websites Nutzer anschauen und wie weit sie in einem Text hinunter scrollen. Das Problem: Solche Vorgänge bemerkt die Öffentlichkeit nicht.

 

«Hier muss die Wissenschaft deutlich aktiver werden», sagt Eisenegger. «Um gegen Fake News vorzugehen, müssen wir sie besser verstehen.» Er selbst startet demnächst ein Forschungsprojekt, um zu untersuchen, welche Reichweite die Fake-News-Portale in der Schweiz haben. Doch der Wissenschafter fordert, dass auch Internetfirmen wie Facebook und Google ihre Verantwortung stärker wahrnehmen. Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung befürwortet sogar ein Eingreifen des Staates, wie kürzlich eine Umfrage in Deutschland gezeigt hat. Darin sprechen sich 80 Prozent der Befragten für neue Gesetze aus, die Soziale Netzwerke dazu verpflichten, Fake News schneller zu löschen.

Journalismus stärken

Zudem sollte der Informationsjournalismus gestärkt werden. Eisenegger plä­diert dafür, dass der Staat unabhängige Medien direkt mitfinanziert. Das wird in Schweden und Dänemark bereits gemacht. Auch in der Schweiz sei dies nötig, so Eisenegger. «Journalisten brauchen Zeit und Ressourcen, um Fake News zu entlarven und Fakten richtigzustellen.» Nur so könnten sich die Menschen weiterhin fundiert informieren – eine der Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.

 


Was sind Fake News?

Der Begriff ist strittig, denn manche – unter anderem Donald Trump – gebrauchen ihn einfach für Tatsachen oder Ansichten, die ihnen nicht in den Kram passen. Dagegen versteht die Wissenschaft unter Fake News absichtlich und gezielt gestreute Falschmeldungen und Faktenverdrehungen. Diese dienen meist politischen Absichten und sollen die öffentliche Meinung manipulieren. Nicht unter Fake News laufen aber unabsichtliche Fehler, beispielsweise Falschaussagen von Politikern oder Fehler in Zeitungsartikeln.

 


«Wir begegnen kaum mehr anderen Meinungen»

In der heutigen Informationsflut wird es immer schwieriger, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Was es dafür braucht, sagt der US-Wissenschaftshistoriker Michael Shermer im Interview.

mit Michael Shermer sprach Santina Russo

Herr Shermer, Fake News gab es schon immer. Was ist heute anders?

Michael Shermer: Heute wird der Kampf zwischen verschiedenen Ideologien sehr hart und vor allem öffentlich geführt. Interessant dabei ist, dass die verschiedenen Ideologien vielfach dieselben Fakten in Anspruch nehmen, sie aber anders deuten. Es sind also nicht die Fakten, die gegeneinander antreten, sondern die moralischen Vorstellungen. Beispielsweise in der Klimapolitik: Eigentlich sind die Fakten zur Klimaerwärmung eindeutig – die Temperatur steigt. Aber weil Massnahmen dagegen in den freien Markt eingreifen, zum Beispiel mit CO2-Abgaben, fühlen sich viele Wirtschaftsexponenten bedroht und bestreiten die Tatsachen. Mit den wissenschaftlichen Fakten hat das wenig zu tun, sondern viel mehr mit dem Angriff auf eine wirtschaftliche Ideologie.

Weshalb ist es so schwer für uns, die Lügen hinter Falschmeldungen zu entlarven?

Weil wir Menschen uns stärker mit ideologischen oder moralischen Vorstellungen identifizieren als mit Fakten. Unsere Ansichten sind uns wichtig und definieren uns als Mensch mit. Fakten, die ihnen zuwiderlaufen, können wir deswegen nur schwer akzeptieren. Und es gibt heute im Internet unbegrenzte Möglichkeiten, seine Sichtweise bestätigt zu sehen. Man findet immer eine Website, auf der die Fakten so verbogen sind, dass sie in die eigene Meinung passen.

Können wir überhaupt noch zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden?

Bei komplexen Themen ist es zumindest schwierig, zum Beispiel bei Wirtschaftsthemen oder dem Klima. Denn hier sind die Fakten für Laien nicht ohne Weiteres zu verstehen. Wir sind auf eine Interpretation angewiesen. Deshalb ist es wichtig, dass wir alle bei dem, was wir lesen, darauf achten, wer der Autor ist und ob hinter dem Inhalt eine ideologische Voreingenommenheit stecken könnte.

«Man findet immer eine Website, auf der die Fakten so verbogen sind, dass sie in die eigene Meinung passen.»

Michael Shermer, Journalist und Historiker

Das klingt anstrengend.

Ja, das ist es. Aber nur so kann man sicherstellen, dass man nicht belogen wird. Ausserdem sollten wir alle immer im Hinterkopf behalten, dass wir selbst auch falsch liegen könnten. Deshalb hilft es, ab und zu aus der eigenen Blase auszubrechen. Konservative sollten nicht nur immer ihre bürgerliche Lieblingszeitung lesen und Sozialdemokraten nicht ausschliesslich linke Blätter. Das ist heute mit den Sozialen Medien noch wichtiger als früher. Denn Facebook beispielsweise setzt uns Beiträge vor, die dem ähneln, was wir schon gelesen und gelikt haben. So begegnen wir kaum mehr abweichenden Meinungen – und zwar ohne dass wir überhaupt merken, dass eine aktive Auswahl für uns stattgefunden hat.

Sollten denn auch Wissenschafterinnen und Wissenschafter etwas unternehmen – und gegen Faktenverdreher vorgehen?

Auf jeden Fall. Viel mehr Forscher sollten wissenschaftliche Erkenntnisse in die Welt hinaustragen und sie auf verständliche und spannende Art aufzeigen – in Büchern, auf Social Media, dem eigenen Youtube-Kanal oder sogar in der eigenen TV-Show. Das ist harte Arbeit, zugegeben. Aber es funktioniert. Ich sehe die Wissenschaft im Aufwind und bin für die Zukunft optimistisch.

*Michael Shermer ist Journalist und Wissenschaftshistoriker. Er gründete das amerikanische «Skeptic Magazin» und kämpft seit Jahrzehnten gegen Evolutionslügner und Verschwörungstheoretiker.

 

Santina Russo 

 

 


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