Fast 90 Prozent der Menschen sind Rechtshänder. Auch Katzen, Hunde oder Vögel bevorzugen diese Seite. Forscher rätseln über die Vorliebe – und vermuten einen gemeinsamen Ursprung.

Katze

Auch die meisten Katzen sind mit der rechten Pfote geschickter.
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Stellen Sie sich vor, Sie begrüssen jemanden mit einem Wangenkuss: In welche Richtung drehen Sie dabei den Kopf? Wahrscheinlich wird es die rechte Seite sein – so machen es zumindest 65 Prozent aller Erwachsenen. Noch mehr Menschen bezeichnen sich selbst als Rechtshänder: Sie schreiben mit der rechten Hand, essen mit rechts und kicken einen Ball besser mit dem rechten Fuss als mit dem linken. Schätzungsweise 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung sind Rechtshänder.

 

Dass das nicht unbedingt mit der Erziehung zusammenhängt, zeigt ein Blick ins Tierreich: Auch bei Fischen gibt es Arten, die eine Flosse bevorzugt nutzen – überwiegend die rechte. Hunde drehen ihren Kopf meistens nach rechts, wenn sie ein Geräusch hören. Vögel nutzen meist ihr rechtes Auge, um den Boden nach Futter abzusuchen, während sie mit dem linken nach Jägern am Himmel Ausschau halten.

Asymmetrisches Tierreich

Selbst 500 Millionen Jahre alte Trilobiten, krebsähnliche Urtiere, zeigen zu drei Vierteln Frassspuren an ihren Hinterteilen, die von rechts nach links verlaufen. Schon damals muss es unter den Bewohnern der Erde also eine Vorliebe für die rechte Körperseite gegeben haben: Entweder die Trilobiten haben sich schräg in den Sand eingegraben, oder ihre Jäger haben auf der rechten Seite mit dem Knabbern angefangen. Es gibt auch Tiere, die ihre linke Seite bevorzugen, die meisten jedoch die rechte, so wie wir Menschen. Aber warum nur?

 

Von Säugetieren weiss man, dass jedes in seiner embryonalen Entwicklung die Ausbildung dreier Körperachsen durchläuft: Zuerst wird festgelegt, wo vorne und hinten ist, dann folgt oben und unten. Erst danach, wo rechts und wo links sein soll. Selbst die Organe im Körper sind asymmetrisch angeordnet, etwa das Herz links und die Leber rechts. Diese Asymmetrie ist ein grundsätzliches Organisationsprinzip, doch seine Ursachen und vor allem seine Auswirkungen auf das Verhalten – also ob man Rechts- oder Linkshänder ist – sind bis heute rätselhaft.

 

«Wenn eine Eigenschaft so verbreitet ist wie die Asymmetrie im Tierreich, ist es naheliegend, dass es dafür einen gemeinsamen Ursprung in der Stammesgeschichte gab», sagt der Psychologe Sebastian Ocklenburg von der Ruhr-Uni Bochum, der das Phänomen untersucht. Mit einfachen Versuchen lässt sich laut Ocklenburg auch zu Hause gut herausfinden, ob ein Tier rechts- oder linkspfotig ist (siehe Box). Ocklenburg selbst nutzt Tauben, um die Ursachen für die Bevorzugung einer Körperseite zu untersuchen.

 

Bei den Vögeln ist vermutlich die Lage im Ei entscheidend. Dort ist der Embryo in den meisten Fällen so gedreht, dass das rechte Auge zur Eischale zugewandt ist. Dadurch kann es Licht, das von aussen durchscheint, auf dieser Seite besser wahrnehmen, während das linke Auge immer zum Körper gedreht ist und im Dunkeln liegt. Ähnlich verhält es sich womöglich auch beim menschlichen Embryo im Mutterleib.

Rechts-­ und Links­-Gene

Beim Menschen ging man noch in den Sechzigerjahren davon aus, dass nur ein einziges Gen über die Händigkeit entscheidet. Je nach Ausprägung würde derjenige Rechts- oder Linkshänder sein. Doch mit dem Aufkommen moderner Methoden ab den 1990er-Jahren zur Untersuchung des menschlichen Erbguts zeigte sich, dem ist nicht so. Heute weiss man von mindestens 40 Stellen im Genom, die beeinflussen, welche Hand bei einem Menschen die stärkere sein wird. Keine Stelle davon betrifft Muskeln oder Nerven in der jeweiligen Hand direkt – die Unterschiede sind also nicht anatomisch, sondern betreffen einzig das Gehirn.

 

Doch die Gene sind nicht die einzigen Faktoren, die über die bevorzugte Hand entscheiden – und vermutlich überwiegen sie nicht einmal. Einen weitaus grösseren Einfluss scheint die Umwelt auszuüben. Darauf weist eine Untersuchung mit fast 26 000 eineiigen Zwillingspaaren aus den Niederlanden und Australien hin. Sie zeigte, dass der Einfluss der Gene auf die Händigkeit gerade mal bei 25 Prozent liegt. Viel stärker wirken also die Umweltbedingungen auf die Ausprägung einer Vorliebe für die linke oder rechte Seite. Dazu gehören nicht nur der kulturelle Druck, dass die linke Hand «schlecht» oder «böse» wäre – sondern auch Reize, die schon im Mutterleib gegeben werden.

Rechts gewickelte Embryos

Welche das genau sind, ist unklar. Fest steht jedoch, dass die meisten Embryos schon in der 14. Schwangerschaftswoche das Köpfchen häufiger auf die rechte Seite drehen und bevorzugt am rechten Daumen nuckeln. Das hatte der Entwicklungspsychologe Peter Hepper von der Queens University in Belfast 1990 bei 75 werdenden Müttern beobachtet, bei denen sich 60 ihrer Kinder in der Gebärmutter lieber nach rechts wandten. Als er die gleichen Kinder zwölf Jahre nach der Geburt erneut untersuchte, stellte er fest, dass alle 60 zu rechtshändigen Kindern herangewachsen waren. Von den übrigen 15 waren zehn Linkshänder geworden.

 

Eine andere Studie stellte fest, dass Babys nach der Geburt mit dem Kopf häufig nach rechts gedreht liegen. Das sorgt dafür, dass sie ihre rechte Hand besser wahrnehmen können – auch das scheint einen grossen Einfluss auf die spätere Vorliebe zu haben. Das Rätsel um die Händigkeit ist damit aber nicht vollständig gelöst – und bleibt für die Forschung weiterhin spannend.

 


Ist Ihr Büsi links- oder rechtspfotig?

Eine Vorliebe für die rechte oder linke Pfote ist am besten sichtbar, wenn das Tier eine anspruchsvolle motorische Aufgabe durchführt. Also zum Beispiel nach Futter tasten, statt nur laufen oder sich putzen. Am besten steckt man ein Leckerli in eine enge Röhre, in die nur eine Pfote passt – und beobachtet, ob die Mieze das linke oder das rechte Pfötchen benutzt, um die Beute zu erreichen. Oder man strahlt mit einem Laserpointer eine Wand an und schaut, ob das Tier den leuchtenden Punkt mit rechts oder mit links zu fangen versucht. (sru)
 


 

Caroline Ring

 

 


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