Wer zweisprachig aufwächst, begegnet schon früh kniffligen Verständigungsproblemen. Das schult auch soziale Fähigkeiten.

otto

Ein Kind versucht im Experiment, ein Missverständnis zu klären, damit der Plüschelefant Otto seinen Schuh erhält.
Universität Zürich

Kinder können auf natürliche Art mehrere Sprachen gleichzeitig lernen. Auch wenn sie dabei einen kleineren Wortschatz pro Sprache erwerben als einsprachig aufwachsende Kinder, überwiegen die Vorteile dennoch klar. Beispielsweise können sich zweisprachige Kinder besser konzentrieren. Und: Sie können besser Missverständnisse entdecken und diese auch richtigstellen.

 

Das haben Psychologen der Universität Zürich in einem Versuch mit über 100 Kleinkindern im Alter von zwei bis drei Jahren nachgewiesen, und zwar mithilfe des Plüschelefanten Otto. Otto möchte zum Spaziergang aufbrechen und muss dafür seine roten Schuhe anziehen. Die Versuchsleiterin Stephanie Wermelinger zieht ihm zunächst nur drei Schuhe an und gibt vor, den vierten Schuh zu suchen. Tatsächlich befindet sich dieser jedoch für die Kinder gut sichtbar in ihrer Hand. Wenn das Kind sie darauf aufmerksam macht, tut die Forscherin so, als wolle das Kind auf ein Bild, das hinter ihr hängt, deuten. «Ich kreierte bewusst ein Missverständnis», sagt Wermelinger. Anschliessend beobachtet sie, was das Kind unternimmt, um dem Plüschelefanten doch noch zu seinem vierten Schuh zu verhelfen.

Übung mit komplexen Situationen

Fast 90 Prozent der zweisprachigen Kinder versuchten, das Missverständnis aufzuklären. Sie deuteten wieder auf den Schuh oder riefen beispielsweise: «Da ist er!» Von den einsprachigen Altersgenossen hingegen tat dies nur gut die Hälfte. Das Forscherteam erklärt diesen Befund damit,dass zweisprachige Kinder in ihrem Alltag mehr Erfahrungen mit schwierigen Kommunikationssituationen machen. «Dadurch sind sie geübter darin, sprachliche Missverständnisse zu entdecken und dann auch zu korrigieren», sagt Wermelinger. Der Effekt tritt in etwas schwä- cherer Form sogar bei Kindern auf, die in einer Familie leben, in der sowohl Hochdeutsch wie auch Schweizerdeutsch gesprochen wird.

 

Das beobachtet auch Massimo De Pin, Kleinkinderzieher in der Irchelkrippe in Zürich, der selbst zweisprachig aufgewachsen ist. «Zweisprachige Kinder greifen viel häufiger unterstützend ein, wenn ein anderes Kind sich nicht so ausdrücken kann, wie es möchte.» Sie würden das Gefühl nur zu gut kennen, sich nicht verständlich machen zu können. Und deshalb einem anderenKind von sich aus Unterstützung bieten. Diese Beobachtungen decken sich mit den Schlussfolgerungen des Forscherteams: Wer mit zwei Sprachen aufwächst, schult dabei seine sozialen Kompetenzen.

 

Magdalena Seebauer

 

 


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