Autonome Roboter befreien Landwirte von der harten Stallarbeit und machen es ihnen leichter, für ihre Tiere zu sorgen. Damit verändern die Hightech-Helfer den Beruf des Bauern.

FN Jost N 3058

Futtermanagement gestern und heute: Früher war es Knochenarbeit (im Bild: Bauern aus dem Emmental um 1935)…
Staatsarchiv des Kantons Bern

Auf dem Hof von Rudolf Bigler in Moosseedorf bei Bern haben nicht Menschen das Sagen, sondern Maschinen: Ein Roboter gibt den Kühen ihre Futterration. Ein anderer Roboter melkt die Tiere vollautomatisch – und zwar nicht zu festen Zeiten, sondern dann, wenn die Kühe es wollen. Das Säubern des Kuhstalls übernimmt ein Entmistungsroboter. Und die Schweine bekommen ihr Futter aus einer computergesteuerten Anlage, die nach einem eingespeicherten Plan die Zutaten zusammenmischt und in die Tröge bläst. All das geschieht, ohne dass der Bauer dabei selbst Hand anlegen muss.

 

«Die Automatisierung bringt für mich eine grosse Entlastung», sagt Bigler, auf dessen Hof 120 Milchkühe und 130 Mutterschweine leben. Denn die Maschinen nehmen ihm viel schwere körperliche Arbeit ab. Und sie machen ihn flexibler, weil er nicht mehr morgens und abends zu festen Zeiten im Stall sein muss, um die Kühe zu melken. Ausschlaggebend für die Digitalisierung waren aber wirtschaftliche Gründe. Denn die Preise für Milch und Fleisch sinken, während die Anforderungen an die Qualität steigen. «Deshalb bin ich gezwungen, möglichst effizient zu produzieren», sagt Bigler. Geräte wie der Melkroboter helfen ihm, die Milchleistung zu steigern und die Herde zu überwachen. Denn der Roboter sammelt eine Vielzahl von Daten, die dem Landwirt Informationen über Verhalten und Gesundheitszustand seiner Tiere liefern. Damit kann er beispielsweise die Fütterung optimieren oder bei Krankheiten frühzeitig den Tierarzt holen.

Das Handy als Verbindung zum Stall

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…heute übernehmen Robotersysteme vieles automatisch…
FN Jost N 3058/Lely

Der Melkroboter identifiziert jede Kuh über einen Funkchip am Halsband. Dieser zeichnet auf, wie viel die Kuh wiegt, wie oft am Tag sie zum Melken kommt und wie viele Liter Milch sie jeweils gibt. Daran lässt sich beispielsweise bemessen, wie viel Futter das Tier benötigt. Zudem stellt der Roboter anhand der elektrischen Leitfähigkeit der Milch fest, ob das Euter entzündet ist. Dann meldet er dem Bauern: «Kuh Klara ist vermutlich krank, bitte nachsehen.» Über einen an der Kuh befestigten Bewegungssensor erkennt das System, wenn sich ein Tier ungewöhnlich viel bewegt. Dann ist es wahrscheinlich brüstig und kann besamt werden. All diese Informationen erhält Bigler auf sein Mobiltelefon. «Das Handy ist für mich zum wichtigsten landwirtschaftlichen Gerät geworden», sagt er.

Vom Bauern zum Datenmanager

Während autonome Helfer wie der Melkroboter in deutschen Ställen bereits weit verbreitet sind, setzen in der Schweiz erst wenige Landwirte auf Automatisierung. Schätzungen zufolge besitzen weniger als zehn Prozent einen Melkroboter. Ein Grund dafür ist, dass die Geräte sehr teuer sind. Daher zahlt sich die Investition nur aus, wenn die Maschinen auch gut ausgelastet sind. Das ist ab ungefähr 50 Kühen der Fall. Ein durchschnittlicher Bauernhof in der Schweiz hat aber nur 25 Kühe. Das könnte sich jedoch künftig ändern, denn die Höfe werden grösser. Und bereits in mehr als der Hälfte aller neu gebauten Ställe wird keine konventionelle Melkanlage, sondern ein vollautomatischer Melkroboter installiert.

 

Das hat Konsequenzen: Der Beruf des Landwirts verändert sich. «Er wird immer mehr zum Techniker und Datenmanager», sagt Christina Umstätter, Agrarwissenschaftlerin an der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope. Sie sieht darin auch Risiken: «Die psychische Belastung steigt.» Hat beispielsweise der Melkroboter einen Defekt, können die Kühe nicht mehr gemolken werden. «Ist dann nicht innerhalb von zwei Stunden ein Techniker vor Ort, um das Gerät wieder in Gang zu bringen, hat der Landwirt ein Riesenproblem», sagt Umstätter.

Berührungsängste abbauen

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… – gesteuert werden sie übers Handy.
FN Jost N 3058/Lely

Solche Nachteile sind auch Landwirt Bigler bewusst: «Ich bin eine Geisel der Technik», sagt er. Er wendet etwa einen Drittel seiner Arbeitszeit für die Wartung seiner Geräte auf. Immerhin kann er die meisten Probleme auch ohne Techniker lösen. Das nötige Know-how hat er sich selbst angeeignet – dazu ist aber nicht jeder Landwirt bereit. «Viele haben Berührungsängste und brauchen länger, um sich mit der Technik vertraut zu machen», sagt Agroscope-Forscherin Umstätter. Deshalb sei es nötig, dass die heute angebotenen Systeme einfacher zu bedienen werden. Forscher und Gerätehersteller arbeiten daran.

 

So sollen zum Beispiel die einzelnen Geräte künftig besser vernetzt werden. Wenn verschiedene Systeme ihre Daten untereinander austauschen, lassen sich die Informationen noch besser nutzen. Heute gibt es etwa bereits einen Wiederkausensor, der Alarm schlägt, wenn das Tier ein Problem mit der Verdauung hat. Könnte der Sensor künftig mit einem Fütterungsautomat kommunizieren, würde dieser automatisch die Futterzusammensetzung anpassen und damit die Verdauung der Kuh wieder ins Lot bringen.

 

Der Landwirt würde zwar auch weiterhin über alles informiert, aber müsste sich nicht mit einer Flut von Einzeldaten auseinandersetzen. Im Idealfall wären die Daten bereits so ausgewertet, dass das System dem Bauern nur noch eine Handlungsempfehlung gibt, sagt Umstätter: «So behält er den Überblick und kann die Vorteile der Digitalisierung auch wirklich nutzen.»

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Hightech-Helfer auf dem Acker

Nicht nur im Stall, auch auf den Feldern läuft vieles automatisch:
 
• Traktoren fahren mithilfe von GPS-Steuerung bei jedem Einsatz in exakt derselben Fahrspur über den Acker. Das schont den Boden, die Pflanzen wachsen besser.
 
• Nur so viel düngen wie nötig – das macht ein Sensor am Traktor möglich. Er misst den Stickstoffbedarf der Pflanzen anhand des reflektierten Lichts und gibt die Daten direkt an den Dünger-Streuer weiter.
 
• Roboter fahren autonom übers Feld, erkennen Unkraut mithilfe einer Kamera und vernichten es gezielt. Das reduziert die benötigte Menge an Pestiziden.
 
• Drohnen mit Kameras überwachen Felder aus der Luft. Sie erkennen, ob Pflanzen an Nährstoff- oder Wassermangel leiden oder von Krankheiten befallen sind.

 

Claudia Hoffmann 

 

 


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