Um zufrieden zu werden, muss man die Dinge manchmal einfach laufen lassen. Denn wer das Glück zu stark herbeiwünscht, erreicht unter Umständen genau das Gegenteil.

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Wer immer nur auf der Sonnenseite des Lebens stehen will, gerät emotional aus dem Gleichgewicht.
Illustration: Stephan Schmitz

Wir alle wünschen uns ein erfülltes und zufriedenes Leben. Dagegen ist eigentlich nichts ­einzuwenden: Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass zufriedene Menschen gesünder sind und länger leben. Doch zu diesen Auserwählten zu gehören ist gar nicht so einfach. «Das Glück zu suchen, macht nicht glücklich», sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologin an der Universität Bern. Die verkrampfte Suche könne sogar das Gegenteil bewirken: Wer ständig ­danach ­trachte, sich Momente des Wohlbehagens zu verschaffen, werde immer unzufriedener.

 

Das bestätigen verschiedene Studien. Beispielsweise fanden Psycho­logen der Universität Denver im Jahr 2012 heraus, dass der starke Wunsch nach Glück Menschen einsam macht. In ihrem Versuch fragten die Forscher über 200 gesunde, erwachsene Probanden erst, wie wichtig es ihnen ist, glücklich zu sein. Danach mussten diese während zweier Wochen jeden Tag dokumentieren, wie einsam sie sich fühlten. Das Ergebnis war deutlich: Die Teilnehmer, die sich am meisten wünschten, glücklich zu sein, fühlten sich am einsamsten.

Krank anstatt happy

Der exzessive Wunsch nach Glück macht aber nicht nur einsam, er ­könnte sogar in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen stehen. Das zeigt eine Untersuchung von Psychologen der Universität Berkeley mit über 500 Erwachsenen. Durch Befragungen identifizierten die Forscher ­jene Probanden, die Symptome einer Depression zeigten. Dieselben ­Personen gaben auch an, dass ihnen enorm wichtig ist, glücklich zu sein.

 

Zudem scheint es auch ein Zuviel an Glück zu geben. Beispielsweise sind Menschen, die Glücksgefühle viel ­intensiver empfinden als der Durchschnitt, anfälliger für riskantes Ver­halten. Das belegt eine Studie der Universität London aus dem Jahr 2015, in der 106 Studenten an einer Bierdegustation teilnehmen sollten. Tatsächlich ging es den Psychologen aber darum zu beobachten, wer wie viel Alkohol trinkt. Es zeigte sich, dass jene Probanden, die zuvor angaben, Glücksmomente besonders intensiv zu erleben, deutlich mehr Bier tranken als die ­anderen. Andere Studien zeigen, dass solche Menschen auch in Situationen mit grösserer Tragweite bereit sind, Risiken einzugehen. Sie haben etwa eher ungeschützten ­Geschlechtsverkehr mit Unbekannten oder sind anfälliger für den Konsum von Drogen.

Traurig sein, ist okay

Viele Menschen wären am liebsten nie unzufrieden, sagt der Glücksforscher und Ökonom Bruno Frey von der Uni Basel. Für ein gesundes Gefühlsleben brauche es aber Ausgewogenheit: «Um glücklich zu sein, muss man auch wissen, was Leid ist.» Daher ­solle man kurze Phasen von Traurigkeit nicht durch Ablenkung oder gar Medikamente verdrängen, sondern ­zulassen. Andernfalls brauche man immer ­intensivere Glücksmomente, um sich wirklich gut fühlen zu können.

 

Negative Gefühle auszuleben, ist in unserer Gesellschaft allerdings oft schwierig, sagt Frey. «Es herrscht ­heute ein ungeheurer Druck, glücklich zu sein.» Gerade deshalb, weil es in der Schweiz den meisten Menschen an fast nichts fehlt. Tatsächlich gehören Schweizer zu den glücklichsten ­überhaupt. Das zeigt der alljährlich ­erscheinende Bericht der Vereinten Nationen, der «World Happiness Report», der kommende Woche wieder erscheint. Darin belegt die Schweiz ­regelmässig Spitzenplätze. Doch die Top-Platzierung in der Rangliste der glücklichsten Länder hat eine Kehr­seite, sagt Psychologin Perrig-Chiello: «Wenn rundherum alle happy sind, kann man sich mit seinen Problemen völlig neben den Schuhen vorkommen.» Das zeigt sich sogar in der Schweizer Suizidrate, die über dem weltweiten Durchschnitt liegt. Dieses von Psychologen als Suizid-Paradox bezeichnete Phänomen gilt auch für die anderen europäischen Anführer des «World Happines Reports», etwa Dänemark, Norwegen und Schweden. Betroffen sind insbesondere Jugend­liche, die sich über Facebook und ­weitere soziale Netzwerke mit ­anderen vergleichen, die vermeintlich glücklicher sind als sie selbst.

Zwei Arten von Zufriedenheit

Was also ist das Rezept, um glücklich zu sein? Für Psychologen besteht es aus zwei Zutaten – und beide davon braucht es. Einerseits das sogenannte hedonistische Wohlbefinden: Dieses erleben wir etwa, indem wir uns ein gutes Essen, eine Party oder Konsumgüter gönnen. Das ist schön, aber flüchtig. Je älter Menschen werden, desto wichtiger wird ihnen deshalb zusätzlich die zweite Art der Zufrieden­heit: das sogenannte eudämonistische Wohlbefinden. Dieses erreichen ­Menschen, indem sie beispielsweise soziale Verantwortung übernehmen, sinnvolle Tätigkeiten ausüben oder an schlechten ­Charaktereigenschaften arbeiten. Diese Art des Wohlbefindens sei viel nachhaltiger, sagt Perrig-Chiello: «Wenn man nach einem sinnvollen Leben strebt, muss man das Glück nicht suchen – es kommt von alleine.» Trotzdem lassen sich gewisse Dinge nicht erzwingen, etwa der perfekte Partner oder der Traumberuf. «Das kann man nicht einfach herzaubern», sagt die Psychologin. So bleibt vielleicht eine der wichtigsten Zutaten für ein erfülltes Leben denn auch – ein bisschen Glück.

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Auch die Gene sind unseres Glücks Schmied

Wie glücklich wir sind, wird uns zum Teil in die Wiege gelegt, und zwar mit den Genen, die wir erben. Das belegen 30 Studien mit insgesamt über 60 000 Zwillingen, die nicht in derselben Familie aufwuchsen. Sie wurden also durch ein unterschiedliches soziales Umfeld und andere materielle Verhältnisse beeinflusst. Trotzdem führen eineiige, also genetisch identische Zwillinge ein ähnlich glückliches Leben. 35 Prozent der Zwillingspaare ­gaben bei Befragungen zum Wohlbefinden genau denselben Wert an. Im Gegensatz dazu stimmten bei zweieiigen Zwillingen, die nicht exakt dasselbe Genmaterial teilen, nur zwischen zwei und acht Prozent überein. Welche Gene konkret für das Glück verantwortlich sind, ist aber noch nicht bekannt.

 

Michael Baumann

 

 


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