Lawinen können eine ungeheure Zerstörungskraft entwickeln. Um die Naturgewalt besser zu verstehen, liessen Schweizer Wissenschaftler diese Woche gezielt eine riesige Lawine ins Tal donnern.

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Bilder: Yann Gross/Claudia Hoffmann/Anselm Köhler

Die Forscher sind ganz still geworden auf ihrem sicheren Beobachtungsposten am Berghang. «Zehn, neun, acht …», zählt Versuchsleiter Pierre Huguenin. Zwei Minuten zuvor hat ein Helikopter 15 Kilogramm Sprengstoff abgeworfen, drüben auf der anderen Talseite, ganz oben in die mächtige, verschneite Bergflanke auf 2500 Metern Höhe. «… zwei, eins, null!». Nach einer Weile steigt lautlos ein Rauchwölkchen auf, den Knall hört man erst Sekunden später. Zuerst geschieht nichts. Doch dann öffnet sich wie in Zeitlupe quer über den Hang ein etwa 300 Meter breiter Riss im Schnee.

 

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Vor der Sprengung vom Helikopter aus muss das Gebiet gesichert werden.

Mehr als ein Meter Neuschnee ist in den letzten drei Tagen gefallen. An diesem Morgen ist der Himmel klar. «Das sind ideale Bedingungen für unseren Versuch», sagt Betty Sovilla. Sie ist die verantwortliche Wissenschaftlerin für die Experimente, die das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) im Wallis durchführt. Auf einem Testgelände im Vallée de la Sionne nahe Anzère untersuchen die Forscher, was genau geschieht, wenn Schneemassen zu Tal donnern. Dazu lösen sie Lawinen kontrolliert durch Sprengung aus und messen unter anderem deren Fliessgeschwindigkeit, Volumen und Dichte.

 

Das geschieht mit verschiedenen Methoden: Vor und nach dem Lawinenabgang wird der ganze Hang vom Helikopter aus mit einem Laser gescannt. Daraus lässt sich die Schneemenge berechnen. Druck- und Dichtesensoren sind an einem 20 Meter hohen Mast angebracht, der mitten in der Lawinenbahn steht und die volle Wucht des Aufpralls abbekommt. Von einem Betonbunker aus, der am Gegenhang etwa 50 Meter über dem Talgrund steht, messen Radargeräte die Geschwindigkeit des herannahenden Schnees. Und von ihrem Beobachtungsposten – ein Felsabsatz einige hundert Meter oberhalb des Bunkers – registrieren die Forscher mit einer Infrarotkamera die Schneetemperatur, welche das Fliessverhalten beeinflusst.

 

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Die Verantwortlichen Betty Sovilla und Pierre Huguenin (kleines Bild Mitte) diskutieren
das Vorgehen, …

Rasende Talfahrt

Die Lawine nimmt jetzt immer mehr an Fahrt auf, zunächst als kompakte Masse. Dann beginnt der Schnee zu stäuben, spuckt wilde Blumenkohlwolken in die Luft. Die Lawine teilt sich in mehrere Äste und sucht sich durch Couloirs hindurch den Weg des geringsten Widerstandes. Ihr Rauschen klingt wie ein weit entfernter Wasserfall. Sie bewegt sich scheinbar noch immer in Zeitlupe. Tatsächlich aber rast die über 20 Meter hohe Lawinenfront mit bis zu 260 Kilometern pro Stunde ins Tal, wie die Messergebnisse später zeigen werden.

 

«Unser Ziel ist es, Lawinen von katastrophalem Ausmass zu simulieren», sagt SLF-Forscherin Sovilla. Die Messdaten aus dem aktuellen Versuch werden in Computerprogramme einfliessen. Damit können Dimension und Reichweite von Lawinen berechnet werden. Das hilft, Gefahrenkarten zu verbessern und Menschen und Gebäude zu schützen. Sehr grosse Lawinen kommen natürlicherweise zwar nur selten vor, können aber verheerende Auswirkungen haben. Etwa wie jene Lawine, die im Februar 1999 Teile des Walliser Dorfes Evolène verschüttet und zwölf Menschen getötet hat.

 

Nachdem sie mehr als 1000 Höhenmeter und zweieinhalb Kilometer Distanz zurückgelegt hat, erreicht die Lawine den Talgrund. Noch immer hat sie so viel Fahrt, dass sie den Gegenhang hinauffliesst und gegen den Bunker schwappt. Zwei Forscher, die im unteren Stockwerk sitzen, beobachten alles auf Monitoren. Ihnen gelingt es nur knapp, eine zum Filmen geöffnete Fensterklappe im oberen Stock zu schliessen. Eine Ladung Schnee schwappt hinein, die sie später wieder hinausschaufeln müssen.

 

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… während weitere Forscher Kameras und Messgeräte aufstellen, um die ausgelöste Grosslawine zu dokumentieren.

Weitere Sprengungen

Die Lawine ist nun zum Stillstand gekommen. Die Gruppe Forscher auf ihrem Beobachtungsposten oberhalb des Bunkers jubelt. «Das ist die grösste Lawine, die wir seit elf Jahren hatten», sagt Betty Sovilla. Auch Pierre Huguenin, der für die Sicherheit während des Versuchs zuständig ist, ist sehr zufrieden. Er muss dafür sorgen, dass niemand gefährdet wird – auch keine Fussgänger, die sich trotz Absperrungen ins Tal verirren könnten. Deshalb sind an allen Zugangswegen SLF-Mitarbeiter postiert. Diese sichten kurz darauf tatsächlich eine Dreiergruppe von Skitourengängern, die unterwegs ins Tal sind. Ihnen wird signalisiert, umzukehren, was sie auch schleunigst tun.

 

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Die Lawine hat den Versuchsbunker getroffen, den die Forscher nun von Schnee freischaufeln müssen.

Denn das Experiment ist noch nicht beendet: Auf die erste Sprengung folgen nun noch vier weitere, die allerdings keine so grosse Lawine mehr auslösen. Sie sollen sicherstellen, dass kein Schnee mehr im Hang ist, der sich spontan lösen könnte. Das ist deshalb wichtig, weil die Forscher nun mit Tourenski in den Lawinenhang laufen, um weitere Messungen zu machen. Dort ist der Schnee durch die grossen Kräfte derart fest zusammengepresst, dass die Forscher die drei Meter hohen Ablagerungen mit einer Motorsäge aufschneiden müssen, um die gesamte Schicht analysieren zu können. Obwohl sie schon seit sechs Uhr morgens unterwegs sind, werden sie noch bis am Abend weitermessen, um möglichst viele Daten zu sammeln. Denn wann das nächste Lawinenexperiment stattfinden kann, ist unklar. Damit eine so grosse Lawine ausgelöst werden kann, muss alles stimmen. Einmal hat es sieben Jahre gedauert, bis Schneebedingungen und Wetter wieder mitgespielt haben.

Sehen Sie das Video dazu:

 

Claudia Hoffmann 

 

 


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