Der Schweizer René Haller hat in Kenia einen zerstörten Landstrich in einen blühenden Park verwandelt. Doch heute ist sein Lebenswerk bedroht.

Von der Veranda seines Hauses in Mombasa hört René Haller das Rauschen des Indischen Ozeans, dessen Wellen sich an den Mauern des Grundstücks brechen. Vor der Veranda ragt ein riesiger Baum auf, eine Kasuarine – das Gewächs, mit dem vor fast 60 Jahren eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte begann. «Alle sagten, eine Million Bäume auf einem Boden aus Korallenkalk zu pflanzen, sei unmöglich», sagt Haller. Er bewies, dass es doch geht.

 

Der gebürtige Schweizer wuchs in Lenzburg auf. Im Haus seiner Eltern gab es eine einzigartige Bibliothek: Bücher über exotische Landstriche, fremde Sitten und Gebräuche, in dickes Leder eingeschlagene Folianten. Der kleine René entwendete heimlich den Schlüssel zur Bibliothek, begab sich auf imaginäre Reisen um die Welt. Afrika faszinierte ihn am meisten.

 

Mit 21 Jahren bereiste Haller den Kongo. Er hatte sich gerade ein Diplom in tropischer Landwirtschaft an der Tropenschule in Basel erworben und hoffte, damit eine Anstellung in Afrika zu finden. 1956 wurde er Pflanzungsleiter auf einer Kaffeeplantage in der Nähe des Kilimandscharo in Tanganjika. Drei Jahre später wechselte er zur Bamburi Cement Ltd. – heute Lafarge-Holcim –, die eine Zementfabrik in Mombasa in Kenia betrieb.

Unlösbare Aufgabe

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… ist ein komplexes Ökosystem entstanden – der Haller-Park nahe der kenianischen Stadt Mombasa.
Bilder:  Alamy

Dort leitete er die zur Fabrik gehörende Farm, welche die Arbeiter mit Nahrungsmitteln versorgte. Doch Anfang der Siebzigerjahre erhielt Haller von seinem Arbeitgeber einen zusätzlichen Auftrag: einen durch den Kalkabbau zerstörten Küstenstreifen wieder aufzuforsten. Jahrelang hatten die Bulldozer der Firma Ladung um Ladung Kalk zur nahen Fabrik transportiert, um ihn zu Zement zu verarbeiten – mit verheerenden Folgen für die Umwelt. Zurückgeblieben war eine 200 Hektaren grosse Kalkwüste, salzhaltig und ohne einen Millimeter Humus. Nun sollte Haller dort auf Geheiss der Firma wieder eine blühende Landschaft schaffen.

 

Die Aufgabe erschien unlösbar. Die Leute lachten hinter vorgehaltener Hand oder ihm offen ins Gesicht. Doch Haller liess sich nicht entmutigen. «Ich wollte schon immer wissen, weshalb etwas nicht funktioniert.»

Kleine Helfer machen Humus

Er verbrachte Tag und Nacht im Kalksteinbruch, suchte nach einer Pflanze, die ihre Wurzeln in diesen salzigen Untergrund treiben wollte. Eines Tages entdeckte er in einem fernen Winkel des Steinbruchs fünf kleine Kasuarinen-Bäume. «Endlich gab es in mdieser Einöde etwas Lebendiges», erinnert er sich. Er pflanzte einige dieser robusten Bäume testweise an. Sie gediehen. Und ihre Nadeln, die ähnlich aussehen wie Schachtelhalm, bedeckten bald den ganzen Boden. Doch wie sollte daraus Humus entstehen, der Nährboden für weitere Pflanzen? Haller beobachtete einen Tausendfüssler, der die Nadeln frass und verdaute. Er sammelte die nützlichen Tiere und verteilte sie unter den Bäumen. Um ihre Ausscheidungen weiter abzubauen, setzte der Agronom Kompostbakterien ein. Auf diese Weise entstand bald eine Humusschicht, auf der weitere Pflanzen und Bäume sprossen. Über einen Zeitraum von 15 Jahren begann sich so ein komplexes Ökosystem zu entwickeln.

 

Je mehr Pflanzen wuchsen, desto mehr Tierarten kamen auchzum ehemaligen Steinbruch. Andere siedelte Haller gezielt an. Heute leben in dem bewaldeten Gebiet unter anderem Wasserund Buschböcke, Serval- und Ginsterkatzen, Warzenschweine und Antilopen. Jedes Lebewesen erfüllt eine bestimmte Funktion. Flughunde und Affen etwa verbreiten Samen und Früchte und fördern so die natürliche Vermehrung einheimischer Pflanzenarten. Und Ameisen und Eidechsen halten die Termitenpopulation unter Kontrolle.

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Der 12 Zentimeter grosse Tausendfüssler Epibolus pulchripes.
Bild: Alamy

Eines von Hallers Grundprinzipien lautete: Ökosysteme überdauern nur dann, wenn sie auch wirtschaftlich rentieren. Die Stämme der jungen Kasuarinen dienten der lokalen Bevölkerung bald zum Bau von Hütten und Palmdächern, die in neu entstandenen Teichen gezüchteten Buntbarsche bereicherten die lokale Küche. Die grüne Idylle – nach ihrem Erschaffer Haller-Park genannt – wurde ein beliebtes Ziel für Touristen, für Schülerinnen und Schüler und für die Bewohner der rasant wachsenden Metropole Mombasa. Im Jahr 2002 verzeichnete der Park 100 000 Besucherinnen und Besucher.

 

Der Schlüssel zu Hallers Erfolg war nicht vorgefertigtes, akademisches Wissen, sondern die exakte Beobachtung der Natur. «Ich bin sogar im Fischteich gelegen, um Fische zu studieren», sagt der heute 83-Jährige. Sein Wissen über die Renaturierung von zerstörter Natur gab er in Kursen weiter, zu denen Teilnehmer aus der ganzen Welt anreisten. 1987 würdigten ihn die Vereinten Nationen für seine Verdienste im Umweltschutz, 1991 erhielt er den Ehrendoktor der Universität Basel.

Bedrohtes Idyll

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Der heute 83-jährige René Haller lebt seit über 50 Jahren in Kenia.
Bild: Lea Meienberg

Doch seit Haller im Jahr 2000 die Verantwortung über den Park abgegeben hat, sieht er sein Lebenswerk bedroht. Die Eigentümerin Lafarge-Holcim zeige kein Interesse daran, den Park zu unterhalten. Zugleich hat sie die Eintrittspreise in den letzten Jahren erhöht. «Die Direktoren der Firma besitzen keinen Sinn dafür, der Bevölkerung Kenias etwas zurückzugeben», sagt Haller, dem es nicht gelungen ist, einen Nachfolger zu finden, der seine Ideen und Vorstellungen hätte weiterführen können. Seine beiden Söhne wollten nicht in die Fussstapfen ihres Vaters treten. Doch von Resignation ist ihm trotzdem nichts anzumerken. «Ich bin dankbar, dass der Park noch existiert, dass alles überlebt hat.»

 

Lukas Meier

 

 


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