In Exkrementen und Latrinen verbergen sich Geheimnisse über den Alltag vergangener Kulturen. Schweizer Forscher bringen sie ans Licht.

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Für die Fäkalien anderer Menschen interessieren sich wohl die wenigsten. Anders eine Gruppe von Archäologen der Universität Basel. Sie beschäftigen sich Tag für Tag mit Exkrementen – nämlich mit denen unserer Vorfahren. Denn wann immer in der Schweiz bei einer Ausgrabung eine Latrine oder Abortgrube entdeckt wird, rücken die Basler aus.

 

Wenn Archäologen Grundrisse von Häusern freilegen, Tonscherben ausgraben und auf Schmuck stossen, verrät ihnen das zwar schon vieles über den Alltag der ehemaligen Bewohner. Doch manche Dinge bleiben im Dunkeln: Zum Beispiel, was die Menschen damals gegessen haben oder wie gesund sie waren. Antworten darauf erhalten die Forscher, indem sie StuhlFunde im Labor untersuchen.

Grosse Sammlung von Fäkalien

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Kot aus einer 2000 Jahre alten keltischen Siedlung bei Basel.
ABBS

«Bei einer Ausgrabung findet man ständig Kot», sagt David Brönnimann, Doktorand am Institut für Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie in Basel. Vor allem im Fall von Kulturen, die noch keine speziellen Vorrichtungen wie Latrinen für ihre Notdurft kannten. So wie die Kelten in einer 2000 Jahre alten Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Basel. Dort stösst Brönnimann immer wieder auf Kot im Boden. Für den Laien sehen die jahrtausendealten Hinterlassenschaften zwar aus wie ein gewöhnlicher Klumpen Erde. Erfahrene Archäologen jedoch erkennen den Kot aufgrund seines geringen Gewichts. Die Exkremente können die Zeit im Boden dann so lange überdauern, wenn sie nach dem Ausscheiden rasch austrocknen.

 

Bevor Brönnimann einen solchen Fund genauer analysiert, muss er aber sicher sein, dass der Kot von Menschen stammt und nicht von Tieren wie Hunden und Schweinen. Denn diese liefen ebenfalls in der keltischen Siedlung herum. Für diesen Fall besitzt das Basler Institut eine der grössten Fäkaliensammlungen Europas mit Dutzenden archäologischer Proben verschiedener Tiere und Menschen. Jede ist genau beschrieben und dokumentiert. Der Vergleich von Funden aus dem Feld mit den Proben aus der Sammlung zeigt Brönnimann, wessen Hinterlassenschaften er in der Hand hält.

 

Den Kot der Kelten untersuchte er auf Krankheitserreger. «Darin wimmelte es nur so von Parasiteneiern», sagt Brönnimann. Diese sind so robust, dass sie in den Funden erhalten bleiben und unter dem Mikroskop gut zu sehen sind. Die Parasiten verursachten bei den Kelten wohl chronischen Durchfall oder Koliken. Zu schaffen machte den Menschen vor allem ein Parasit: der Leberegel. Eigentlich kommt dieser Krankheitserreger bei Schafen, Kühen und Schweinen vor. Doch da Menschen sehr eng mit Tieren zusammen lebten, steckten sie sich mit deren Parasiten an.

 

Auch als die römische Kultur mit ihren öffentlichen Latrinen die primitivere der Kelten ablöste (siehe Kasten), hatten die Menschen trotzdem noch mit Parasiten zu kämpfen. Denn waren die Latrinen einmal voll, wurde ihr Inhalt als Dünger auf die Felder ausgetragen – mitsamt den Parasiteneiern. So gelangten die Krankheitserreger wieder in die Nahrung.

Essen à la Mittelalter

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Diese gut erhaltene Latrine aus dem Jahr 78 nach Christus fanden Archäologen 2008 in
Winterthur.
B. Zollinger, KA Zürich

Am Grund einer Latrine erhalten sich Pflanzenreste wie Samen und Obstkerne über viele Jahrhunderte nahezu unverändert, weil der Sauerstoffmangel die Zersetzung verhindert. Die Botanikerin Marlu Kühn vom Institut in Basel hat schon über 20 solche Latrinen untersucht. «Jedes Mal bin ich davor aufgeregt», sagt die Botanikerin, «ich stosse immer auf etwas Neues und Überraschendes». So auch im Fall einer Latrine an der Schoffelgasse in Zürich, die bis ins 13. Jahrhundert in Gebrauch war. In deren Inhalt fand Kühn unter anderem Zehntausende Kerne von Walderdbeeren. «Beeren müssen für die Menschen damals ein einmaliges Geschmackserlebnis gewesen sein», sagt Kühn. Denn Zucker gab es noch nicht. Früchte waren neben Honig die einzigen süssen Lebensmittel.

 

Aus Latrinenfunden ist zudem belegt, was die Menschen im Mittelalter zum Verfeinern ihrer Gerichte verwendet haben: Bohnenkraut, Koriander, Wacholder, Kresse, Dill, Sellerie sowie Pfeffer und Nelken – zumindest die etwas besser gestellten Bewohner. «Das mittelalterliche Essen war wohl ziemlich würzig», sagt Kühn. Dies sei wahrscheinlich nötig gewesen, da Fleisch- und Milchprodukte einen deutlich strengeren Geschmack hatten als heute.

 

Aus schriftlichen Quellen ist bekannt, dass die Menschen auch Muskatnuss und Safran zum Würzen benutzen. Dafür jedoch hat Kühn bisher keinen Nachweis im Kot gefunden. Es warten also noch noch einige Geheimnisse in den Latrinen unserer Urahnen darauf, entdeckt zu werden.

Die Geschichte des stillen Örtchens

Die ältesten Toilettenvorrichtungen sind 6000 Jahre alt und stammen aus dem heutigen Syrien, Iran und Irak. Einer breiten Öffentlichkeit zugänglich waren Gemeinschaftslatrinen zu Zeiten der Römer. Viele wohlhabende Bürger gönnten sich zudem eine eigene Toilette, die sich oft in der Küche befand und gleichzeitig als Abfalleimer diente. Im Mittelalter gab es Latrinen in Klosteranlagen und teilweise auch in den Häusern und Innenhöfen der städtischen Bevölkerung. Meistens landeten die Fäkalien jedoch auf der Strasse und in Flüssen. Daran änderte sich bis zur Industrialisierung nur wenig.

 

Martina Polek

 

 


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