Wie wird die Schweiz aussehen, wenn der heutige Klimawandel ungebremst weitergeht? Fünf unglaubliche Meldungen aus der Zukunft.

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Ungewohnter Anblick: Mit steigenden Temperaturen wird bald so mancher Weihnachtstraum dahinschmelzen. Illustration: Laura Jurt

Wunderbares Weinland Schweiz

St. Gallen. Auch 2066 haben Schweizer Weine an der World Wine Challenge reihenweise Goldmedaillen abgeräumt. Dank mediterraner Temperaturen ist die Schweiz mittlerweile zu einem erstklassigen Weinbaugebiet geworden. In Spanien und Italien hingegen ist es zu heiss und trocken für Reben geworden. Allerdings fiel die Weizenernte hierzulande unbefriedigend aus. Eine Vertreterin des neuen Bundesamts für Ernährungssicherheit betonte am gestrigen Buure-Zmorge in St. Gallen: «Weizen ist für die hiesigen Breitengrade zum Anbau nicht mehr geeignet.» Stattdessen sollte mehr Mais angebaut werden. Das soll auch den Selbstversorgungsgrad der Schweiz erhöhen. Denn beim Nahrungsmittel-Import kommt es öfter zu Engpässen, weil weltweit Überschwemmungen und Dürren die Ernten vernichten.

 

Das sagt die Wissenschaft: Bei ungebremstem CO2-Ausstoss steigen die Temperaturen bis 2060 um bis zu 3,6 Grad Celsius. Die Sommer werden trockener, teilweise herrscht Wasserknappheit. Klimatisch angepasste Pflanzen sind in der Landwirtschaft nötig.

Die Wirtschaft floriert

Bern. Schwere Zeiten für Versicherungen, gute für die Exportindustrie. Das zeigt der Bericht «Branchen im Klimawandel» des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), der soeben erschienen ist. Darin wird deutlich: Das wärmere Klima hat für die meisten Schweizer Wirtschaftszweige positive Auswirkungen. So befinden sich etwa die Chemie-, Pharma- und Uhrenindustrie im Aufschwung – vor allem seit die arktische Nordwestpassage eisfrei und daher dauerhaft für den Schiffsverkehr passierbar ist. Das verkürzt die Transportwege massiv und beschert vielen Branchen tiefe Zulieferkosten. Düsterer hingegen sieht die Bilanz für die Versicherungen und Rückversicherungen aus. Durch häufigere Sturm-, Steinschlag- und Wasserschäden steigen die Rückstellungsbeiträge weiter ins Unermessliche.

 

Das sagt die Wissenschaft: Satellitenbilder zeigen, dass die Nordostpassage immer häufiger und immer länger am Stück eisfrei ist – bereits 2013 befuhren sie 71 Handelsschiffe. Starkregen, Hagel, Hochwasser und Felsstürze nehmen künftig laut dem Bericht «Brennpunkt Klima» der Akademien der Wissenschaften Schweiz zu. Das weltweite Bruttoinlandprodukt sinkt bis 2100 um 23 Prozent – nicht aber in Industrienationen, sondern vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Heisse Gesundheitstipps

Bern. Die in den Schweizer Städten präsente Plakatkampagne «Achtung Tiger!» des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigt Erfolge: Durch Tigermücken übertragene Infektionskrankheiten wie Zika oder Dengue gingen seit der Lancierung der Kampagne im Jahr 2042 wieder deutlich zurück. Zum Erfolg tragen vor allem Insektennetze vor Schlafzimmerfenstern bei, vermeldet das BAG. Damit seien jedoch noch nicht alle negativen Auswirkungen des wärmeren Klimas auf die Volksgesundheit gebannt. Beispielsweise fordern die alljährlich wiederkehrenden Hitzewellen nach wie vor viele Todesopfer. Und die lange Pollensaison zwischen Februar und November macht Hunderttausenden von Allergikern zu schaffen.

 

Das sagt die Wissenschaft: Schon bis 2020 werden Hitzewellen im Sommer weltweit doppelt so häufig, prognostiziert das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Pflanzen werden nicht nur länger blühen, sondern auch mehr Pollen produzieren. So verdoppelt sich die Pollenzahl in der Luft bis ins Jahr 2040. Schwedische Forscher haben berechnet, dass es künftig auch in Europa regelmässig Ausbrüche von Dengue-Fieber geben wird.

Kampf ums Wasser

Bern. Das Klima zieht ins Bundeshaus: Das Schweizer Stimmvolk hat die Umweltsicherheits-Initiative am vergangenen Wochenende mit klarer Mehrheit angenommen. Damit wird das Departement für Umwelt mit dem für Verteidigung und Sicherheit ab Anfang 2030 zusammengelegt. So sollen die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die soziale und politische Stabilität in der Schweiz aufgefangen werden. «Die Klima-Unruhen in Afrika der letzten Jahre haben gezeigt, dass das Gleichgewicht in einer Gesellschaft kippen kann, wenn das Wasser knapp wird», sagt Bundesrat Bastien Girod (Grüne), der die Initiative unterstützt hat. Mit dem neu geschaffenen Departement sei nun eine engere Zusammenarbeit zwischen Umwelt- und Bevölkerungsschutz garantiert.

 

Das sagt die Wissenschaft: Wegen der steigenden Temperaturen wird es mehr Kriege geben – besonders in Afrika. Dort nimmt das Risiko für Konflikte bis ins Jahr 2030 um 54 Prozent zu, berechneten Forscher der Uni Stanford. Die Schweiz wird voraussichtlich nicht von durch Konflikte ausgelösten Migrationswellen betroffen sein, da diese vor allem innerhalb der von Dürre betroffenen Länder stattfinden. Die USA, Grossbritannien, Kanada und Frankreich erwarten gemäss offizieller Dokumente mehr militärische Konflikte wegen des Klimas.

Die Alpen als Erlebnispark

Fiesch. Demnächst startet in den Kinos der Film «Einmal Mars und zurück», der die Geschichte der ersten erfolgreichen, bemannten Marsmission aus dem Jahr 2048 nacherzählt. Einige Szenen des Films wurden in der Schweiz gedreht: im Vergnügungs- und Erlebnispark «Marsmania», der dort entstanden ist, wo sich früher die Eismassen des Aletschgletschers erstreckten. Heute erinnert die Landschaft an einen unbewohnten Planeten. Der Erlebnispark ist zu einem Publikumsmagnet geworden – laut Schweiz Tourismus «ein Vorzeigeprojekt, wenn es um die Anpassung an den Klimawandel geht». Denn wegen Schneemangel und sinkender Gästezahlen im Winter mussten viele Skigebiete in den Alpen bereits schliessen. Einigen ist es jedoch gelungen, rechtzeitig auf neue Angebote umzusatteln.

 

Das sagt die Wissenschaft: Ende des Jahrhunderts werden fast alle Alpen-Gletscher verschwunden sein. An ihrer Stelle entstehen karge Fels- und Schuttlandschaften und viele kleine Seen. Die Schneefallgrenze steigt um 500 Meter. Beispiel Graubünden: Bis 2085 sind mehr als die Hälfte der Skigebiete nicht mehr schneesicher, errechneten Forscher der Hochschule Chur.

 

Michael Baumann und Claudia Hoffmann

 

 


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