Bitte lächeln – oder etwa doch nicht? Der freundliche Gesichtsausdruck bedeutet nicht in jedem Land dasselbe.

Strahlende Gesichter: Wie wir sie interpretieren, hängt stark von unserer Kultur ab. Bild: Giphy.com

Strahlende Gesichter: Wie wir sie interpretieren, hängt stark von unserer Kultur ab. Bild: Giphy.com

Lächeln scheint das Natürlichste der Welt zu sein. Doch wie Menschen ein Lächeln genau verstehen, unterscheidet sich von Land zu Land – zum Teil erheblich. Das zeigt eine Studie eines Forschungsteams von Psychologen aus über 40 Ländern. Diese untersuchten mit über 5000 Probanden aus aller Welt, wie diese Fotos von lächelnden Menschen beurteilen. Das Resultat: Schweizer und Deutsche etwa empfanden lächelnde Menschen durchwegs als intelligent. In Russland und Japan hingegen sah das Ergebnis komplett anders aus: Dort schätzten Probanden lächelnde Menschen schlicht als dumm ein.

 

Die Forscher wollten auch wissen, wie ehrlich die Leute auf den Fotos erscheinen. Hier zeigte sich: Unter anderem Schweizer und Australier empfinden lächelnde Menschen als ehrlich. Inder und Argentinier sehen das jedoch genau umgekehrt – auf sie wirkten dieselben Personen unehrlich.

 

«Dass sich Menschen aus verschiedenen Ländern derart stark unterscheiden, hat uns überrascht», sagt der Psychologe Kuba Krys von der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der die Studie leitete. Denn lange ging die Forschung davon aus, dass Lächeln ein angeborenes Verhalten sei, mit dem man seinen Mitmenschen Wohlwollen signalisiere. Das zeigt sich schon bei Babys, die ihre Mütter nach etwa drei Lebensmonaten anlächeln – und zwar überall auf der Welt. Doch auch wenn dieses Verhalten angeboren ist, beginnen die Kinder schon bald, ihre Mimik bewusster einzusetzen. So heben sie im Alter von etwa zehn Monaten lediglich die Mundwinkel, wenn sie einen Fremden anlächeln. Für ihre Eltern hingegen setzen sie die Muskeln für Mund, Wangen und Augen in Gang – und strahlen über das ganze Gesicht (siehe Box).

Ausländische Smileys

Hinweise, dass sich Menschen aus verschiedenen Ländern bei der Interpretation des Lächelns unterscheiden, liefern noch andere Studien. Beispielsweise fanden Forscher der Universität Kyoto im Jahr 2010 heraus, dass Japaner verglichen mit Amerikanern auf andere Gesichtspartien schauen, wenn sie beurteilen, ob jemand vertrauenswürdig ist. Amerikaner konzentrieren sich ausschliesslich auf die Mundpartie – Japaner hingegen verlassen sich auf die Augen. Dieser Unterschied widerspiegelt sich auch in ganz alltäglichen Dingen wie den sogenannten Emoticons. Also den Kombinationen aus Buchstabe und Satzzeichen, mit denen Menschen in SMS-Nachrichten Emotionen ausdrücken: ein Lachen, ein Zwinkern, manchmal auch ein Weinen. Den Unterschied zwischen solchen Gefühlen macht in Europa der Mund: Für Freude :-) zeigt er nach oben, für Trauer :-( nach unten. In Japan hingegen zeigen Emoticons Gefühle fast ausschliesslich mit den Augen. So kommt ein japanisches Lachen als ^_^ daher. Ein weinendes Gesicht drücken Japaner mit ;_; aus.

 

Die Anpassung des Verhaltens an eine bestimmte Kultur kann so weit gehen, dass mancherorts Menschen ihre Gefühlsregungen gar nicht mehr nach aussen hin zeigen. Ein Beispiel dafür fand Emotionsforscher Krys in seiner Untersuchung: Lächeln gilt häufig in denjenigen Ländern als unehrlich, in denen die Leute unter einem korrupten Staatsapparat leiden. Weil sie ständig mit Leuten in Kontakt kommen, die nur vorgeben, nett und ehrlich zu sein, vertrauen sie dem zweideutig gewordenen Gesichtsausdruck nicht mehr. Und so unterdrücken sie auch ihr eigenes Lächeln. Das trifft auch auf Krys’ Heimatland Polen zu: «In einer solchen Gesellschaft kann man sich nicht mehr auf das Lächeln als Zeichen von echter Freundlichkeit verlassen», sagt er.

Mehrere Bedeutungen

Auch die Humorforscherin Jenny Hofmann von der Universität Zürich untersucht, mit welchen Gesichtsausdrücken Menschen verschiedene Facetten von Freude zeigen. Das ist gar nicht so einfach. Denn: «Viele Gefühlsregungen wie etwa Schadenfreude lassen sich bei Versuchen im Labor nicht künstlich herstellen», sagt Hofmann. Wenn die Forscherin Probanden bittet, gewisse Gefühle zu demonstrieren, übertreiben diese nämlich meistens und verziehen ihr Gesicht überdeutlich. Wären sie unbeobachtet gewesen, hätten sie viel subtiler reagiert. «Die Gefühle eines Menschen erkennt man erst im Zusammenhang mit der jeweiligen Situation eindeutig», sagt die Emotionsforscherin. Und ein Lächeln allein sagt noch nicht viel aus, denn dieses zeigen wir nicht nur aus Freude. Es gibt etwa 17 weitere Regungen, die Menschen durch Lächeln ausdrücken: zum Beispiel Überraschung, Wohlwollen, Schadenfreude und sogar Aggression. Von aussen sind diese verschiedenen Emotionen nur schwer zu unterscheiden. Deshalb wertet eine ängstliche Person ein Lächeln eher als Auslachen, und eine selbstbewusste eher als Ermutigung.

 

Kulturelle Unterschiede sind zudem im Wandel, sagt Hofmann. Durch die Globalisierung, das Internet, Filme und Fernsehen ist der kulturelle Austausch heute viel intensiver. So beobachtet die Psychologin, dass sich jüngere Japaner in ihrer emotionalen Ausdrucksweise dem Westen annähern. Noch vor zehn Jahren hielten sich Japaner beim Lachen die Hand vor den Mund – heute ist dieses Verhalten viel seltener. Der Warschauer Psychologe Krys hofft, dass die Erkenntnisse seiner Forschung den Menschen zu mehr Verständnis anderer Kulturen verhelfen – er selbst jedenfalls kann auf Reisen in die USA das extrovertierte Lachen mancher Amerikaner nun besser verstehen.

 


Das echte Lächeln

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Arzt Guillaume Duchenne (links) mit einem Probanden.
Wikimedia Commons

Dem Lächeln auf der Spur war der französische Arzt Guillaume Duchenne schon im Jahr 1862. Er entdeckte das «echte» Lächeln, das wir nicht willentlich beeinflussen können. In seinen Worten wird es «nur durch die süssen Gefühle der Seele» ausgelöst. Welche Muskeln daran beteiligt sind, fand er heraus, indem er die Gesichter von Probanden mit elektrischem Strom reizte.


 

Michael Baumann

 

 


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