Computer entwickeln zunehmend künstlerische Fähigkeiten. Doch kann eine Maschine, sei sie noch so intelligent, wirklich kreativ sein?
 

Kunst aus dem Computer: Das Original des Bildes über eine Studentendemo ist sieben Meter lang. Mehr Bilder finden Sie auf paintingfool.20min.ch. Foto: The Painting Fool.

Dass Computer eine kreative Ader wie Menschen haben können, galt bis vor Kurzem als unmöglich. Doch schon heute besiegen lernfähige Computerprogramme Schach- und Go-Weltmeister mit überraschend kreativen Spielzügen. Und kürzlich kam ein von einem Programm geschriebenes Buch in die engere Auswahl eines Literaturpreises. Andere intelligente Programme malen Bilder, komponieren Musik oder schreiben Gedichte. Zwar be- nötigen sie für ihre Werke meist eine Art Vorlage. Doch aus dieser kreieren sie etwas Neues.

 

So sieht Painting Fool einen Baum. Foto: The Painting Fool

Der wohl am weitesten fortgeschrittene Computerkünstler ist der vom britischen Forscher Simon Colton entwickelte Painting Fool. Ursprünglich sollte er helfen, kreative Prozesse beim Menschen zu analysieren. Dabei ist er selbst zu einem ausdrucksstarken Künstler geworden. Heute kreiert er Gemälde, die sogar in Galerien ausgestellt werden, sowie dank zusätzlicher Algorithmen Skulpturen und Gedichte.

 

Für seine Werke ist der Painting Fool nicht auf Menschen angewiesen: Er holt sich seine Inspiration im Internet und sucht sich selbst Online-Artikel aus, deren Inhalt er künstlerisch umsetzt. Seine Kreationen und die Arbeiten weiterer Computerkünstler stellen wir in diesem Artikel vor.

Ein Roboter malt mit Pinsel und Ölfarbe

Der Roboterkünstler E-David malt ein Selbstporträt. Foto: R. Ruis.

Einen Roboter, der mit Pinsel und Ölfarbe echte Gemälde malt, haben Forschende der Uni Konstanz entwickelt. Den E-David genannten stählernen Künstler wollten wir für 20 Minuten testen und gaben bei ihm ein Gemälde in Auftrag.

 

E-David besteht aus einem Einarm-Roboter und einer intelligenten Software. Er beherrscht zahlreiche Malstile, die er selbst verändern und variieren kann. Als Vorlage erhält er ein Foto, das er dann in Ölfarbe auf der Leinwand umsetzt.

 

«E-David beherrscht das Malen schon fast so gut wie mancher menschliche Maler», sagt Oliver Deussen, Computergrafiker und «Vater» des Roboters. Denn auch Menschen malen oft nach einer Vorlage, die sie in ihrem Stil neu abbilden.

 

Einen grossen Unterschied zu Menschen gebe es allerdings, sagt Deussen: «E-David weiss noch nicht, was er malt.» So ist ihm wohl auch nicht bewusst, was er im Auftrag von 20 Minuten auf die Leinwand brachte – wie jeder grosse Künstler sein Selbstporträt.

 

Selbstporträt in Öl, 30 x 40 Zentimeter gross.

«Wissen in 20 Minuten» verlost das originale Bild des malenden Roboters E-David. Wer das wohl weltweit erste Selbstporträt eines Roboters besitzen möchte, sendet ein E-Mail mit Namen, Adresse und dem Betreff ROBOTER an win@scitec-media.ch. Einsendeschluss ist Dienstag, 10. Mai 2016. Viel Glück!

 
 
 
 

Aus Geschichten werden Musikstücke

Wie klingt der Soundtrack zu Büchern? Diese Frage stellten sich zwei US-Forscher und entwickelten eine Software namens Transprose, die die Stimmung von Texten einfängt und in Musik umwandelt. Dafür analysiert sie die Wörter im Text. Aus einem Lexikon mit über 14 000 Begriffen kann sie so die vorherrschenden Stimmungen eines Buches ableiten – zum Beispiel Wut, Zweifel oder Überraschung.

 

Danach beginnt die Software, ein passendes Klavierstück zu komponieren. Die unterschiedlichen Tempi und Tonhöhen repräsentieren dabei verschiedene Stimmungen.

 

Für 20 Minuten komponierte Transprose Musikstücke aus «Wilhelm Tell», «Heidi» und der Bundesverfassung. Beim Hören wird schnell klar, dass die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt. Doch schon in einigen Jahren soll die Software Filmmusik komponieren.

 

Die für uns komponierten Stücke hören Sie auf transprose.20min.ch.

«Kreativität entsteht nie aus dem Nichts»

Gottlieb Guntern ist Kreativitätsforscher und Buchautor.

Herr Guntern, können Computer überhaupt kreativ sein?

Ja, prinzipiell ist das möglich. Sie benötigen für ihre Werke zwar eine Vorlage und programmierte Regeln, doch das ist kein Hindernis. Denn auch bei uns Menschen entsteht Kreativität nie ganz aus dem Nichts: Sie beginnt immer mit dem Kern einer Idee, die wir dann weiterentwickeln.

Dann gibt es gar keinen Unterschied zwischen der Kreativität von Computern und Menschen?

Eigentlich kaum. Zwar haben Computer und Menschen unterschiedliche Herangehensweisen. Entscheidend ist aber das Endprodukt. Damit dieses kreativ ist, muss es bestimmte Kriterien erfüllen: Es muss einzigartig sein und auch funktionieren, also seinen Zweck erfüllen. Und es soll uns berühren und inspirieren – möglicherweise über Generationen hinweg. An diesen Kriterien scheitern auch Menschen immer wieder, etwa die selbst ernannten «Kreativen» aus der Werbebranche. Deshalb erzeugen viele TV-Spots beim Publikum nur gähnende Langeweile.

Können Computer das vielleicht sogar eines Tages besser?

Sie werden immer mehr Kunstwerke kreieren, etwa Gedichte und Romane, Musikstücke oder auch Parfüms. Ob sich ihre Werke aber mit menschlicher Kreativität messen können, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Das bestimmen künftig wir als Publikum gemeinsam.

Originelle Ideen für Experimente

Die Quantenphysik ist die Königsdisziplin der Wissenschaft. Nur die gescheitesten Köpfe verstehen die hoch komplexe Materie. Doch selbst sie stossen manchmal an die Grenzen ihres Vorstellungsvermögens. Insbesondere das Planen komplizierter Experimente ist für Physiker eine grosse Herausforderung. Eine Forschungsgruppe in Wien hat sich deshalb die Hilfe künstlicher Intelligenz geholt. Ein von ihnen programmierter Algorithmus hat mit seinen unkonventionellen Vorschlägen für Experimente so sehr geholfen, dass ihn die Gruppe auch in Zukunft regelmässig konsultieren will.

Auch Computer können witzig sein

Was erhält man, wenn man einen Orca mit Öl einreibt? Einen Killerwöl.

 

Diesen Witz hat nicht ein Mensch, sondern ein Algorithmus erfunden. Entwickelt haben den Joking Computer schottische Forschende. Seinen Sinn für Humor hat sich der Computer-Witzbold mithilfe von Kindern erarbeitet: Während eineinhalb Jahren haben sie online bewertet, wie lustig die kreierten Wortspiele waren. So hat das Programm mit der Zeit gelernt, immer bessere Witze zu reissen.

Mensch vs. Computer: Wer hats geschrieben?

Das Computerprogramm Painting Fool schreibt Gedichte. Wir wollten wissen, wie gut seine Poesie wirklich ist, und liessen den Schweizer Schriftsteller Jürg Halter gegen den Computer antreten. Das Resultat: zwei Gedichte, beide basieren auf demselben Zeitungsartikel über die Apartheid in Südafrika. Welches Gedicht stammt vom Menschen und welches vom Computer?

Tanzendes, taumelndes Südafrika

Für einen Tag feierliche Einigkeit in Vielfalt,

viele Floskeln, Feuerwerke, Vuvuzelas,

lautes Gedenken an Namenlose, die

im Kampf um Gleichheit fielen,

auffallend: die Abwesenheit

des grossen, selbstlosen Mannes,

hundert Jahre Freiheitsbewegung,

tanzendes, taumelndes Südafrika,

brüchige Einigkeit, fürwahr.

 

Blaue Overalls

Die einförmige Wachsamkeit ehrwürdiger afrikanischer Gesänge

Ein heldenhafter Kampf, wie die Persönlichkeit eines Soldaten

Ein unerträgliches symbolisches Timing, wie ein Aufschrei

Blaue Overalls, jeder wie eine Blaubeere

Einige präsidiale, viele selbstlose Stammesfürsten

Oh! so einflussreiche Präsidenten

So grosse Präsidenten, blaubeerblaue Overalls

Lerchenblaue Overalls

Ein ritterlicher Heldenkampf

Auflösung

Das Gedicht des Computerkünstlers Painting Fool ist «Blaue Overalls». In unserer Online-Umfrage haben 30 Prozent der Leser falsch getippt. Das Gedicht ins Deutsche übersetzt hat Ulrich Blumenbach.

Schriftsteller Jürg Halter

«Die künstliche Intelligenz wird niemals die kreative Intelligenz des Menschen ersetzen können, aber Rechner werden uns immer ähnlicher – und wir ihnen.» – Schriftsteller Jürg Halter

 
 
 
 
 
 
SANTINA RUSSO, MICHAEL BAUMANN, SANDRO BUCHER, MARTINA POLEK
 


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