In einer einzigartigen Operation hat ein Schweizer Chirurgenteam das Leben eines Babys im Mutterleib gerettet. Künftig werden immer mehr vorgeburtliche Eingriffe möglich.

 

Die Ärzte Luigi Raio (links) und David Baud (Mitte) bereiten zusammen mit einer Operationspflegerin den Eingriff vor. Foto: Inselspital Bern

Manuela B.* erhält die Diagnose in der 24. Schwangerschaftswoche. Der Ultraschall zeigt einen hellen Klumpen in der Lunge ihres ungeborenen Babys: ein Tumor. Dieser ist zwar gutartig, aber dennoch gefährlich, weil er schnell wächst. Deshalb überweist Manuelas Gynäkologe sie vom Kantonsspital in Chur an die Frauenklinik des Berner Inselspitals. Dort untersucht der erfahrene Arzt und Geburtshelfer Luigi Raio das Baby nochmals mit Ultraschall. Noch scheint es mit dem Tumor klarzukommen. Doch zwei Wochen später die Hiobsbotschaft: Die Geschwulst ist mittlerweile auf einen Durchmesser von fünf Zentimetern angewachsen. Sie drückt stark auf das Herz. Und dieses muss ohnehin schon härter arbeiten, weil es den immer grösser werdenden Tumor mitversorgt. «Dem Baby ging es nun sehr rasch schlechter», sagt Geburtshelfer Raio. Für die Eltern ein Schock. Weil das Herz überfordert ist, lagert der kleine Körper Wasser ein und schwillt stark an. «Hätten wir weiter abgewartet, wäre das Kind innerhalb von Tagen im Bauch der Mutter gestorben», sagt Raio.

 

Nun ist schnelles Handeln gefragt. Doch viele Möglichkeiten, zu reagieren, hat der Arzt nicht. Auf die Welt holen kann er das Baby noch nicht, es ist noch zu jung und wäre wohl nicht überlebensfähig. Der Geburtshelfer bespricht sich mit Kollegen, Kinderchirurgen und Kinderärzten. Was kann man tun? Gemeinsam finden Raio und sein Kollege David Baud vom Lausanner Universitätsspital (CHUV) eine Lösung: Sie werden das Baby noch im Mutterleib operieren. Mit einer sogenannten Laserverödung soll der Tumor von der Blutzufuhr abgeschnitten werden, damit er abstirbt.

 

Der kleine Joel* an seinem achten Lebenstag. Foto: Pia Neuenschwander

Bei Zwillingen erprobt

Dazu führen die Ärzte durch einen winzigen Schnitt im Bauch der Mutter ein spezielles Instrument in die Gebärmutter ein – eine Art Nadel, die einen Laserstrahl erzeugt. Um zum Lungentumor zu gelangen, müssen sie auch in den Brustkorb des Babys stechen. Dort wollen sie das Blutgefäss, durch welches der Tumor versorgt wird, mit dem Laser verschliessen.

 

Mit dieser Lasermethode sind die beiden Geburtshelfer Raio und Baud bereits vertraut. Als Team operieren sie auf ähnliche Weise im Mutterbauch auch eineiige Zwillinge mit einem gestörten Blutaustausch. Sie verschliessen bestimmte Blutgefässe auf der Plazenta und gleichen so die Blutzufuhr der Zwillingsbabys wieder aus. Mit dieser vorgeburtlichen Operation behandeln sie Fälle aus der ganzen Schweiz.

 

Gewagter Eingriff

Möglich sind solche Eingriffe erst seit einigen Jahren, unter anderem dank den Fortschritten beim Ultraschall. Denn die Bilder sind heute viel detaillierter als früher. «Zuvor hätten wir gar nicht gesehen, welche Blutgefässe wir verschliessen müssen», sagt David Baud. Heute ermöglichen die Ultraschallgeräte nicht nur eine genaue Diagnose, sondern auch ein präzises Führen von Instrumenten innerhalb der Gebärmutter. Mit nur rund 15 Fällen pro Jahr sind aber auch die Eingriffe, die heute schon bei ungeborenen Zwillingen durchgeführt werden, alles andere als Routine.

 

Noch riskanter ist die geplante Operation von Manuelas Baby. Denn das Blutgefäss, das den Tumor speist, befindet sich nur Millimeter von der Hauptschlagader des Kindes entfernt. Wird diese durch die Nadel oder den Laser verletzt, stirbt das Kind sofort. «Die Chancen, dass es gut kommt, standen 50 zu 50», sagt Luigi Raio.

 

Dennoch entscheiden sich die Eltern für die Operation. «Es ging um unseren Sohn, wir mussten doch alles versuchen», sagt Mutter Manuela. Während des Eingriffs ist Manuela wach. Angst hat sie dabei keine. Sie kann zwar nichts sehen, aber die Ärzte sprechen hören. Das beruhigt sie.

 

Operation am ungeborenen Kind: Mittels Laser wird das Blutgefäss verschlossen, das den Tumor speist. Dadurch stirbt dieser ab. Grafik: Gilbert Maurer

Die Notoperation gelingt. Raio und Baud schaffen es, die Blutzufuhr zum Tumor zu kappen, ohne die sensible Hauptschlagader zu verletzen. Eine Erleichterung für Mutter Manuela: «Wir hatten grosses Glück.» Innerhalb der nächsten Wochen schrumpft die Geschwulst und verkümmert schliesslich zu einem kleinen Klumpen Gewebe. Das Herz des kleinen Patienten rutscht zurück an seinen richtigen Platz und kann endlich wieder richtig arbeiten.

 

Immer mehr Defekte heilbar

In den letzten Jahren sind immer mehr Krankheiten und Komplikationen von Babys schon im Mutterleib behandelbar geworden. So haben Raio und Baud bereits zweimal Tumore in der Plazenta operiert. Chirurgenteams weltweit korrigieren inzwischen Fehlbildungen der Blase, befreien abgeschnürte Händchen und Füsschen oder beheben Zwerchfellbrüche. Und ein Team am Zürcher Kinderspital operiert Babys mit offenem Rücken noch vor der Geburt. «Künftig wird noch mehr möglich», sagt Baud. So kann er sich vorstellen, dass etwa auch Herzfehler, mit welchen das Kind vor der Geburt sterben würde, schon im Mutterleib behoben werden könnten. Zur Routine würden solche Operationen aber auch in Zukunft nicht. Denn weil die Erkrankungen selten seien, bleibe jede vorgeburtliche Operation ein Einzelfall. «Daran wagt man sich nur, wenn man keine andere Wahl hat», sagt Baud.

 

Dass es funktionieren kann, zeigen Manuela und ihr Baby: Am 13. April kam der kleine Joel* gesund zur Welt. Vier Wochen zu früh, deshalb musste er in der ersten Zeit mit einer Sonde ernährt werden und muss noch im Spital bleiben. Aber er erholt sich. «Er hat viel Kraft», sagt die Mutter. Die Ärzte Luigi Raio und David Baud sehen das genauso. Ein «Survivor» sei der Bub, sagt Baud, eine Kämpfernatur. Das wird ihm noch zugutekommen, denn wahrscheinlich muss im Alter zwischen sechs Monaten und zwei Jahren auch der letzte verkümmerte Rest des Tumors entfernt werden. Dieser Eingriff wird aber deutlich weniger gefährlich sein als derjenige, den Joel bereits überstanden hat. Nun übt er erst einmal das Trinken an der Brust. Sobald das gut klappt, darf er heim.

 

*Namen geändert.

 

Santina Russo 

 

 


Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar