Auf Skitouren sind Einzelgänger überraschend sicher unterwegs. Weit riskanter verhalten sich dagegen grössere Gruppen.
 

Immer wieder werden Skitourenfahrer abseits der Piste von Lawinen verschüttet. 33 Menschen kamen so im letzten Winter ums Leben. Und zurzeit ist wieder Skitouren-Hochsaison. Wie Tourengänger am sichersten unterwegs sind, erforscht Benjamin Zweifel vom Schweizerischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). Er fand heraus: Das Risiko, von einer Lawine erfasst zu werden, hängt stark von der Gruppengrösse ab.

 

In einer Studie analysierte der Davoser Forscher rund 540 Lawinenunfälle in der Schweiz und Italien. Zudem untersuchte er über 10 000 Tourenbeschreibungen auf dem Webportal Gipfelbuch.ch und befragte Berggänger nach ihrer Tour.

 

Das Ergebnis überrascht: Wer alleine unterwegs ist, gerät nicht öfter in eine Lawine als Gruppen von zwei oder drei Leuten. «Die meisten Einzelgänger sind sich bewusst, dass sie sich nicht den kleinsten Fehler erlauben können», erklärt Lawinenforscher Zweifel. «Deshalb wählen sie ihre Route vorsichtig und halten sich von riskanten Hängen fern.»

 

Riskantes Verhalten in der Gruppe

Anders grössere Gruppen: Wie die Studie zeigte, werden Teams ab vier Personen deutlich öfter von einer Lawine erfasst als Zweier- oder Dreierteams. Und je grösser die Gruppe, desto höher das Risiko. «Unter Gleichgesinnten fühlt man sich automatisch sicherer», sagt Zweifel. «Dar um tendiert man dazu, Gefahren zu unterschätzen.»

 

Einen negativen Einfluss haben auch weitere Aspekte der Gruppendynamik. Zum Beispiel, wenn die Führungsrolle nicht klar definiert ist – oder sie nicht derjenigen Person zufällt, die am meisten Wissen über Lawinen mitbringt. «Das kann zu falschen Entscheidungen führen», so Zweifel. Beispielsweise zum Verzicht auf Vorsichtsmassnahmen – etwa einen kritischen Hang nicht zusammen, sondern einzeln hinabzufahren.

 

Wie es zu Fehlentscheiden kommt, will nun der Lawinenforscher Jordy Hendrikx von der Universität Montana in den USA genauer untersuchen. Mit hilfe einer App namens Skitracks wertet er GPS-Daten von Skitouren aus, auch aus der Schweiz. Die Nutzer beantworten zudem direkt nach der Tour einen elektronischen Fragebogen zur Gruppenzusammensetzung und zu den getroffenen Entscheidungen.

 

Anhand der ersten 2500 aufgezeichneten Touren hat Hendrikx bereits entdeckt: Teams, die ausschliesslich aus Männern bestehen, gehen deutlich mehr Risiken ein als gemischte Gruppen. Frauen beeinflussen also das Verhalten der Gruppe positiv. Die Erkenntnisse aus der Untersuchung sollen schlussendlich helfen, Tourengänger in Lawinenkursen besser auszubilden – und so Risiken zu minimieren.

 
Link zur Studie (Englisch)

 

Santina Russo 

 

 


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