Couple having sexual intercourse, woman face expressing satisfaction- shoot with lensbaby

Würden Sie täglich eine Pille schlucken, nur um pro Monat ein halbes Mal mehr Sex zu haben?

Wie viel Wert ist Ihnen, liebe Leserin, sechs Mal Sex pro Jahr? Ich meine nicht Wert in Franken, sondern Wert an Aufwand, Mühe und Risiko. Würden Sie dafür täglich eine Tablette schlucken? Ein Medikament, das bei jeder zehnten Frau Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Schwindel oder Übelkeit hervorruft? Die Tablette ist jetzt in den USA zugelassen. Sie wird gefeiert als das «Viagra für die Frau».

 

Abgesehen davon, dass diese Umschreibung irreführend ist – denn Viagra erzeugt eine Erektion aber noch lange keine Lust, das neue Flibanserin hingegen soll effektiv die Lust der Frau steigern – halte ich so ein Medikament für einen Unsinn. Na gut, wenn eine Frau ohne Tablette einmal pro Monat den Geschlechtsverkehr geniessen kann, dann bringt das Medikament tatsächlich eine Steigerung um 50 bis 100 Prozent. Das klingt als Werbeversprechen gut, macht die Sache insgesamt aber nicht besser.

 

Chemische Korrektur ungesunden Lebens

Natürlich habe ich nichts dagegen einzuwenden, wenn Männer mit einer organisch bedingten Erektionsstörung dank Viagra zu etwas Stehvermögen finden. Doch in der Realität hat sich die kleine blaue Pille zum Doping fürs Schlafzimmer entwickelt. So verwechseln heute unter dem Eindruck viagragestärkter Pornohelden nicht wenige Männer möglichst langes Rein-Raus-Rammeln mit erfüllter Sexualität. Alles andere wäre vorzeitiger Samenerguss. Aber wer definiert eigentlich, was vorzeitig ist? Und wer definiert, wie oft eine Frau Lust zu haben braucht? Ab wann wird das Fehlen derselben pathologisch? Ohne dass die Krankheit genau beschrieben wäre, hat sie doch schon einen Namen: Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD). Ich wette, HSDD wird bald zum Modeleiden.

 

Medikamente gegen solche erfundenen Krankheiten zu entwickeln, ist Verschwendung von medizinischem Know-how und finanziellen Ressourcen – und somit unmoralisch. Denn wie viele schwere, tödliche, echte Krankheiten könnte man damit bekämpfen? Vor allem auch in wenig entwickelten Ländern.

 

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, tatsächlich gerne öfter Sex hätten: Reden Sie mehr mit Ihrem Partner, damit die Beziehung wieder ins Lot kommt. Bauen Sie Stress ab. Trinken Sie weniger Alkohol und rauchen Sie nicht. Garantiert haben Sie dann öfter genussvollen Sex als mithilfe irgendwelcher Pillen.

 

Beat Glogger 

 

 


Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar